DER STANDARD - Kommentar: "Die Zeitung lebt" von Alexandra Föderl-Schmid

Print und Online müssen voneinander lernen und sich wechselseitig stärken. (Ausgabe vom 19.10.2013)

Wien (OTS) - Print oder Online: Dieser Grundsatzkonflikt wird unter Journalisten häufig verbissen ausgetragen. Kollegen aus dem elektronischen Bereich oder der Online-Welt bezeichnen die Zeitung als tot, Printkollegen sehen häufig ihre Arbeit als einzig wahren Journalismus. Hier Schnelligkeit, da Reflexion. Dabei nutzen immer mehr Leserinnen und Leser beide Angebote. Was zählt, ist der journalistische Inhalt und damit die Qualität, nicht der Verbreitungsweg.
Dass Zeitungen höchst lebendig sind, zeigte sich jüngst in den USA:
Amazon-Gründer Jeff Bezos kaufte die Washington Post, Investor Warren Buffett investierte seit 2011 rund 344 Millionen Dollar und hat damit 63 Tages- und Wochentitel im Süden der USA, weitere 29 Tageszeitungen im Rest des Landes gekauft.
Auf das geänderte Nutzungsverhalten muss sich die Medienbranche einstellen: Online kann schneller reagieren, Print besser analysieren. Jedes Medium hat seine eigenen Stärken, es gilt voneinander zu lernen. Für den Journalismus bedeutet dieser Strukturwandel neue Chancen und Risiken. Es ist nicht überraschend, dass die von Journalisten beschriebenen Auswirkungen der Finanzkrise und der Globalisierung sowie die technologischen Umwälzungen auch die eigene Branche erfasst haben. Ökonomischen Druck hat es immer gegeben, wie ein Blick in die Standard-Geschichte zeigt. Neu ist aber die Gleichzeitigkeit von Entwicklungen, deren Auswirkungen noch gar nicht alle absehbar sind. Die Medien, insbesondere jene im Qualitätsbereich, stehen vor finanziellen, inhaltlichen und technologischen Her ausforderungen - sie müssen sich fit machen für neue Zeiten.
Im Unterschied zu anderen Firmen stellen Medienunternehmen aber Produkte her, die für die Demo-kratie unverzichtbar sind. Information und Aufklärung, Kritik und Kontrolle gehören zu den demokratiepolitischen Aufgaben der Medien. Diese Aufgaben sind umso wichtiger in ei nem Land wie Österreich, in dem die Gewaltentrennung nicht das Gewicht hat, das sie in einer entwickelten Demokratie haben sollte, und wo die Verhaberung regiert. Wie wichtig Auf deckungs-und Aufklärungsarbeit ist, zeigen die Korruptionsfälle, die immer häufiger den Weg von Zeitungsspalten in die Gerichtssäle finden. Qualitätsjournalismus setzt die Trennung von Anzeige und Redaktion voraus, redaktionelle Unabhängigkeit im Handeln und Denken, aber auch gut ausgebildete Journalisten, die Fakten und Aussagen bewerten können. Kritische Distanz, Glaubwürdigkeit, Unabhängigkeit und Unbeugsamkeit sind journalistische Notwendigkeiten. Ökonomische Solidität ist eine weitere Voraussetzung, denn guter Journalismus kostet Geld.
Der Strukturwandel in den Medien führt dazu, dass Erlösmodelle nicht mehr wie bisher funktionieren. Alle Medienunternehmen suchen nach Antworten und praktikablen Lösungen. Das Modell, das alle Fragen beantwortet, gibt es noch nicht.
Es geht auch um die Frage, was eine Gesellschaft bereit ist, für qualifizierte Informationsleistungen zu zahlen. Und es geht nicht "um die Subvention einer schwächelnden Branche, sondern eine Investition in die Infrastruktur der Demokratie", wie es der Medienwissenschafter Matthias Karmasin formuliert. Das gilt umso mehr für Österreich, wo die Regierung mit In seraten - aus Steuergeld finanziert - den Boulevard außerhalb der nachvollziehbaren Presseförderung füttert.

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