- 07.10.2013, 19:01:54
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DER STANDARD-KOMMENTAR "Gespaltenes Ägypten" von Gudrun Harrer
Der Kampf findet nicht nur zwischen Muslimbrüder-Anhängern und -Gegnern statt - Ausgabe vom 8.10.2013
Utl.: Der Kampf findet nicht nur zwischen Muslimbrüder-Anhängern und
-Gegnern statt - Ausgabe vom 8.10.2013 =
Wien (OTS) - In Ägypten spielt sich weit mehr ab, als auf den Straßen
als Auseinandersetzung zwischen den Muslimbrüder-Anhängern und deren
Gegnern am Wochenende wieder blutig sichtbar geworden ist. Es sind
essenzielle Fragen zur Zukunft des Landes, dazu, was Demokratie
heißt, welche Rolle der Islam, welche das Militär spielen soll. Aus
einer positiven Sichtweise heraus, an die sich viele Ägypter und
Ägypterinnen jetzt klammern, befindet sich das Land - und vielleicht
die ganze arabische Welt - in der zweiten großen
Emanzipationsbewegung der Moderne: Zuerst kam im 20. Jahrhundert die
Befreiung vom Kolonialismus, zu Beginn des 21. Jahrhunderts muss die
Befreiung von allen Formen des Autoritarismus folgen.
Deshalb reagierten so viele Ägypter absolut allergisch auf den Willen
zur Macht, der die Muslimbrüder mit der neuen Freiheit erfasste und
den Präsident Mohammed Morsi verkörperte. Indem die Muslimbrüder 2012
einen Präsidentschaftskandidaten aufstellten, hatten sie bereits ein
den Ägyptern gegebenes Versprechen gebrochen. Sein Jahr im Amt
überzeugte viele dann vollends, dass Wahlen für die Muslimbrüder nur
ein Vehikel auf dem Weg zur totalen Herrschaft bedeuteten. Dazu kamen
die Ansätze eines Teils der Muslimbrüder, sich zu bewaffnen und
Milizen zu bilden.
Aus dem Umsturz von Juli 2013 zu folgern, dass die Verhältnisse in
Ägypten klar sind - pro und contra Muslimbrüder, mit teilweise großer
Gewaltbereitschaft auf beiden Seiten - wäre jedoch eine grobe
Vereinfachung. Jene, die einen Sturz der Muslimbrüder befürworten,
verweisen auf die große Mehrheit, die deren Gegner haben, ablesbar an
den (ständig wachsenden) Millionenzahlen an Menschen, die im Juni
gegen die Muslimbrüder auf die Straße gingen. Aber die Opposition zu
den Muslimbrüdern alleine macht noch keinen Staat.
Da gibt es jene, die gleichzeitig mit den Muslimbrüdern die
Revolution von Jänner/Februar 2011 auslöschen wollen. Auch wenn kaum
einer Hosni Mubarak zurückhaben will, seine Leute, die vor nunmehr
fast drei Jahren ihre Pfründe verloren, sind noch da. Und da gibt es
auch noch jene in der ägyptischen Gesellschaft, die am liebsten in
die 1970er zurückkehren würden: ein Neonasserismus, der gerade am Tag
der Armee am Wochenende seine seltsamen Blüten trieb. Präsident Anwar
al-Sadat, der 1973 mit einem erfolgreichen Überraschungsangriff auf
Israel für den "Sieg" sorgte, den Ägypten heute noch feiert, war
nicht der Held des Tages.
Es war der "Sohn Nassers", wie er genannt wird, Verteidigungsminister
und Armeechef Abdel Fattah al-Sisi. Man mag das alles als
nostalgischen Kitsch und Sehnsucht nach der - durch die Stagnation
der Mubarak-Jahre endgültig verlorenen - ägyptischen Führungsrolle in
der arabischen Welt abtun. Aber genauso wie für den Sturz Morsis
Unterschriften gesammelt wurden, so verfolgen immer mehr
Armee-Anhänger mit Inbrunst das Projekt, al-Sisi zur Kandidatur bei
den Präsidentschaftswahlen zu überreden.
Er würde sie locker gewinnen - was er für ein Präsident sein würde,
weiß man nicht. Die Schlacht darum wird nicht auf der Straße
ausgetragen, sondern innerhalb der Verfassungskommission. Nicht nur
die Rolle der Religion im Staat ist zu klären, sondern auch die der
Armee, und daran wird zu messen sein, wie ernst die jetzige
Übergangsregierung es mit dem Versprechen meint, dass auf Morsis
Herrschaft die Demokratie folgen wird.
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