- 18.09.2013, 10:30:33
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Wettbewerbsfähigkeit ist nicht (nur) eine Lohnfrage
Neben Einkommen und Leistungsbilanz auch gesellschaftliche Anliegen berücksichtigen
Utl.: Neben Einkommen und Leistungsbilanz auch gesellschaftliche
Anliegen berücksichtigen =
Wien (OTS/WIFO) - Der Begriff "Wettbewerbsfähigkeit" wird oft
einseitig interpretiert im Sinne von niedrigen Lohnkosten, während
Umwelt- und Sozialausgaben als belastend gesehen werden. Ein hohes
soziales und ökologisches Anspruchsniveau kann allerdings bei
optimaler Gestaltung auch die Produktivkraft und Zukunftsfähigkeit
von Volkswirtschaften stärken. Eine WIFO-Studie im Rahmen des
Projektes "Welfare, Wealth and Work for Europe - WWWforEurope"
definiert daher Wettbewerbsfähigkeit als Fähigkeit einer
Volkswirtschaft, Einkommen, Beschäftigung und sozialen Zusammenhalt
sowie ökologische Exzellenz zu erreichen. Anhand eines
Indikatorensatzes zur Beurteilung der Wettbewerbsfähigkeit nach
diesen Kriterien erweist sich die Wirtschaft der EU als wesentlich
wettbewerbsfähiger als bei einer reinen Betrachtung des
Pro-Kopf-Einkommens. Innerhalb der EU haben erfolgreiche Länder nie
einseitig auf Lohnmoderation gesetzt ("Low-Road-Strategie"), sondern
sind auch Vorreiter in einem aktivierenden Sozialsystem mit geringen
Lohnunterschieden und anspruchsvollen Umweltzielen. Für den
langfristigen Erfolg sind Investitionen in Ausbildung, Forschung und
ein förderndes Sozialsystem sowie gefestigte politische und
ökonomische Institutionen und ökologische Ambitionen (also eine
"High-Road-Strategie") wichtig.
Die Wettbewerbsfähigkeit von Ländern und Regionen ist ein
vieldiskutiertes Konzept, dessen Relevanz im Zuge der Finanzmarkt-
und Wirtschaftskrise weiter zugenommen hat. Traditionell wird
Wettbewerbsfähigkeit auf niedrige Lohnkosten bezogen. Dies hat etwa
die wirtschaftspolitische Debatte um das Verhältnis des Nordens der
EU zur Peripherie im Süden geprägt. Der Beitrag anderer
Bestimmungsgründe der Exportfähigkeit (Qualifikation, Innovationen
und Institutionen) wird dabei meist unterschätzt. Als Indikator für
Wettbewerbserfolge werden Handels- und Zahlungsbilanzen herangezogen.
Erweiterte Konzepte - etwa von der Europäischen Kommission oder dem
World Economic Forum - berücksichtigen auch die Technologie- oder
Innovationsintensität von Produktion und Exporten, die Höhe der
Beschäftigungsquote sowie Einkommen und Lebensstandard generell.
Eine neue WIFO-Studie im Rahmen des europäischen
Forschungsprojektes "Welfare, Wealth and Work for Europe -
WWWforEurope" entwickelt nun das Konzept weiter und systematisiert
die vorhandenen Indikatoren. Wettbewerbsfähigkeit wird dabei
definiert als die Fähigkeit eines Landes oder einer Region, (für die
Bevölkerung) wirtschaftliche und gesellschaftliche Ziele zu
erreichen. Sie integriert auch explizit die Ziele der
Beyond-GDP-Initiative (http://www.beyond-gdp.eu/de), die dafür
plädiert, zur Messung des gesellschaftlichen Fortschrittes neben
Einkommen bzw. Bruttoinlandsprodukt auch Sozial- und
Umweltindikatoren heranzuziehen.
Das WIFO-Konzept unterscheidet zwischen Prozessen und Fähigkeiten
auf der einen Seite, die den Wirtschaftserfolg generieren (Inputs),
und Leistungsindikatoren andererseits, die den Erfolg (das Ergebnis,
"Outcome") messen. Die Inputs umfassen neben Preisfaktoren (z. B.
Löhne) auch Indikatoren zur Produktions- und Exportstruktur (z. B.
Technologieintensität) sowie die Leistungsfähigkeit hinsichtlich
Innovationen, Bildung, Sozialsystem, Institutionen und ökologischer
Ambitionen. Als Wettbewerbsergebnis (Outcome) werden Einkommen und
Indikatoren zu sozialer Inklusion (Beschäftigung, Verringerung von
Armut) und ökologischer Nachhaltigkeit (Verringerung der
Treibhausgasemissionen, Steigerung der Ressourcenproduktivität)
gemessen.
Abbildung 1: Wettbewerbsfähigkeit unter traditionellen und neuen
Gesichtspunkten - auf der WIFO-Website
(http://www.wifo.ac.at/wwa/pubid/46941)
Wie die auf diesem Konzept beruhende Analyse der Daten für 27
EU-Länder bestätigt, lässt ein Fokus auf die rein preisliche
Komponente der Wettbewerbsfähigkeit wichtige Komponenten außer Acht.
Eine hohe Outcome-Wettbewerbsfähigkeit beruht nicht allein auf
niedrigeren Lohnkosten als preislichen Inputfaktoren. Höherwertige
Produktions- und Exportstrukturen sowie eine stärkere
Leistungsfähigkeit in Bezug auf Innovationen, Bildung, Soziales,
Institutionen und ökologische Anreize sind dafür ebenso relevante
Faktoren.
Diese Betrachtung unterstreicht die Wettbewerbsfähigkeit der EU.
Pro-Kopf-Löhne und Produktivität sind um ein Drittel niedriger als in
den USA (im Euro-Raum um 20%). Die Lohnstückkosten sind daher mit
jenen in den USA vergleichbar. Die Bestimmungsfaktoren der
Leistungsfähigkeit fallen für die USA hinsichtlich Forschung und
tertiäre Ausbildung besser aus, für Europa hinsichtlich der
aktivierenden Sozialpolitik und ökologischer Produkte. Im Export hat
die EU den Strukturvorteil der USA mehr als kompensiert und weist
heute Handelsbilanzüberschüsse in technologie- und skillintensiven
Branchen auf, während die USA hier hohe Importüberschüsse
verzeichnen. Die EU-Länder investieren auch mehr in die aktive
Arbeitsmarktpolitik sowie in die vorschulische und Berufsbildung und
erzielen im Gegensatz zu den USA eine ausgeglichene Leistungsbilanz.
Allerdings bestehen innerhalb der EU erhebliche Unterschiede.
Gerade die Hochlohnländer in der EU wie Dänemark, Niederlande,
Schweden und Österreich weisen durchwegs sehr gute Werte im
Wettbewerbsergebnis (Outcome) auf. Die Länder mit den niedrigsten
Lohnkosten (nach "Low-Road-Konzepten" die "wettbewerbsfähigsten
Länder) können ihre Kostenvorteile aber mangels Leistungsfähigkeit in
Bildung, Innovationen und Sozialsystem kaum in
Outcome-Wettbewerbsfähigkeit umsetzen. Gleichzeitig schneiden die
Länder der südlichen Peripherie hinsichtlich der Sozialindikatoren
trotz höherer Wirtschaftskraft schlechter ab als die Länder
Osteuropas.
Diese empirischen Befunde untermauern, dass für die
hochentwickelten EU-Länder die Definition von Wettbewerbsfähigkeit im
Sinne von "kostengünstig" kein guter Kompass ist. Die mit ihr
verbundene wirtschaftspolitische Strategie der Lohnmoderation
("Low-Road") stärkt die Exportfähigkeit bestenfalls kurzfristig,
während Innovationen, Ausbildung, Verbesserung der Institutionen das
langfristig tun. Um als führendes Industrieland in der globalisierten
Wirtschaft langfristig erfolgreich zu sein, gilt es vielmehr,
Investitionen in Ausbildung, Forschung und ein förderndes
Sozialsystem zu forcieren, politische und ökonomische Institutionen
zu festigen sowie ökologische Ambitionen zu stärken - sich also einer
"High-Road-Strategie" zu verpflichten.
Clusterpolitik unterstützt Strategie "Europa 2020"
Wie eine Studie des schwedischen Think-Tanks "Ivory Tower" im
Rahmen von WWWforEurope zeigt, ist auch eine konsequente
Clusterpolitik ein Instrument für eine nachhaltige Industriepolitik
als Element einer High-Road-Strategie. 1.000 europäische
Clusterinitiativen wurden auf ihre Auswirkungen auf die
sozioökonomische Entwicklung von Regionen untersucht. "In Regionen,
in denen Clusterinitiativen vorhanden sind, ist auch der
Zielerreichungsgrad hinsichtlich eines ökologischen und sozial
ausgewogenen Wachstumspfades höher. Außerdem ist in diesen Regionen
in der Regel auch das Lohnniveau höher."
Die EU-Regionen weisen bei der Umsetzung des von der Strategie
"Europa 2020" propagierten sozialen und ökologischen Wachstumspfades
sehr unterschiedliche Ausgangslagen auf. Unter den reichen Regionen
Nord- und Mitteleuropas gelingt es den skandinavischen und
österreichischen Regionen am besten, einen ökologisch und sozial
ausgewogenen Wachstumspfad umzusetzen. Die deutschen Regionen fallen
hingegen hinsichtlich der Nachhaltigkeitsziele zurück. Unter den
ärmeren Regionen Süd- und Osteuropas erreichen die osteuropäischen
Länder ein relativ hohes Maß an sozialer Inklusion, hinsichtlich der
Umweltziele aber höchstens durchschnittliche Werte.
WWWforEurope: Forschung zur sozioökologischen Transition in
Europa
Das Forschungsprojekt "Welfare, Wealth and Work for Europe -
WWWforEurope" startete im April 2012 und wird in seiner Laufzeit von
vier Jahren die analytische Basis für ein neues europäisches
Wachstumsmodell legen, das eine sozioökologische Transition zu hoher
Beschäftigung, sozialer Integration und ökologischer Nachhaltigkeit
ermöglicht. Karl Aiginger, Leiter des WIFO, ist Koordinator des
Projektes, das Wissenschafter und Wissenschafterinnen aus 33
Forschungsinstitutionen versammelt. WWWforEurope wird von der
Europäischen Kommission im 7. Rahmenprogramm gefördert.
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