- 13.09.2013, 10:29:08
- /
- OTS0067 OTW0067
Kinder- und Jugendpsychiatrie: Hoher Bedarf, große Versorgungsdefizite
Viele Kinder behandlungsbedürftig - Mangel an Kassenstellen für Fachärzte
Utl.: Viele Kinder behandlungsbedürftig - Mangel an Kassenstellen
für Fachärzte =
Wien (OTS) - Auf der 30. Jahrestagung der Österreichischen
Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, die derzeit in Wien
tagt, geht es nicht nur um die Leistungen dieses Faches, sondern auch
um Versorgungslücken. In Österreich sind 258.000 Kinder und
Jugendliche beratungs- oder behandlungsbedürftig, dafür stehen in der
Erstversorgung nur zwölf Kassenfachärzte zur Verfügung. In vier
Bundesländern gibt es keine einzige Kassenstelle. Auch die Zahl der
Spitalsbetten bleibt hinter den Vorgaben zurück. Experten plädieren
für eine Versorgung, die dem tatsächlichen Bedarf entspricht.
"Rund 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren haben
psychische Auffälligkeiten, etwa die Hälfte davon sind
behandlungsbedürftig", sagt Univ.-Prof. Andreas Karwautz,
Vizepräsident der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und
Jugendpsychiatrie (ÖGKJP) anlässlich des Kongresses. Dieser findet
bis kommenden Samstag am AKH Wien/MedUni Wien unter dem Titel "Alles
was RECHT ist" statt. Angeführt wird die Erkrankungs-Liste von
Angststörungen, gefolgt von Depressionen unterschiedlicher
Ausprägung. Weitere Störungen sind Magersucht oder Ess-Brech-Sucht,
Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivität, Psychosen,
Entwicklungsstörungen wie Rechtschreibschwäche oder Störungen aus dem
Autismus-Spektrum, Störungen des Sozialverhaltens und
Bindungsstörungen.
"In den meisten Fällen sind diese Krankheiten gut behandelbar.
Allerdings bekommen Kinder und Jugendliche sehr oft erst nach vielen
Jahren einer psychiatrischen Störung oder Krankheit eine
professionelle Behandlung und Betreuung", beobachtet Prof. Karwautz.
Eine Ursache: Psychiatrische Erkrankungen im Kinder- und Jugendalter
werden häufig übersehen oder bagatellisiert. Dazu komme eine massive
Mangelsituation in der Versorgung, die auch Thema des
ÖGKJP-Kongresses ist. Prof. Karwautz: "Aus der Sicht eines Kinder-
und Jugendpsychiaters ist es sehr frustrierend, wenn man erlebt, wie
sehr in unserem Bereich Ressourcen fehlen, was dazu führt, dass
Kinder und Jugendliche nicht behandelt werden können."
"Die Versorgungslage im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie ist
in Österreich angesichts der vielen Patienten, die von den Leistungen
unseres Faches profitieren könnten, eine Katastrophe", bemängelt auch
Charlotte Hartl, Bundesfachgruppen-Obfrau der Österreichischen
Ärztekammer (ÖÄK). "Die Versorgungsentwicklung gestaltet sich zäh,
besonders in der Basisversorgung haben wir großen Nachholbedarf. Für
insgesamt 258.000 Kinder und Jugendliche, die einer kinder- und
jugendpsychiatrischen Behandlung oder Beratung bedürften, arbeiten im
niedergelassenen Bereich österreichweit zwölf Kassenfachärzte. In
vier Bundesländern können unsere Patienten nur durch Wahlärzte
behandelt werden. Das ist besonders für Patienten mit schweren,
chronischen Krankheitsverläufen tragisch, da sich viele Eltern die
private Behandlung nicht leisten können."
Mangelversorgung
Der Österreichische Strukturplan Gesundheit (ÖSG) formuliert die
Notwendigkeit einer kinder- und jugendpsychiatrischen Vollabteilung
auf 300.000 Einwohner sehr klar. In den meisten Bundesländern gibt es
nur etwa die Hälfte der im ÖSG vorgesehenen Kinder- und
Jugendpsychiatrie-Betten im Spital, nur in Kärnten wird die untere
Grenze der vorgegebenen Zahl erreicht. "Der Mangel an Abteilungen
führt nicht nur zu einer Mangelversorgung der spitalspflichtigen
Patienten, sondern auch zu einem Mangel an Ärzteausbildungsstellen.
In meinem Fach haben wir einen eklatanten Fachärztemangel. Wir
bräuchten in Österreich etwa 350 Spezialisten, tatsächlich gibt es
aber nur rund ein Drittel davon", so Hartl.
Die ÖÄK plädiert bereits seit Jahren für eine bessere,
flächendeckende Versorgung psychisch erkrankter Kinder und
Jugendlicher. Wird in diesem Alter nicht rechtzeitig eingegriffen,
kann das für die Betroffenen lebenslang negative Folgen haben. Der
größte Handlungsbedarf besteht nach wie vor bei der flächendeckenden
Versorgung "auf Kasse" und der Sicherstellung von genügend
Ärzte-"Nachwuchs" auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendpsychiatrie.
"Die Gesundheitsreform der Bundesregierung hat sich bekanntlich das
Ziel gesetzt, den niedergelassenen Bereich auszubauen. Das verbessert
die Versorgung und entlastet die Spitäler. Gerade im Bereich der
Kinder- und Jugendpsychiatrie besteht, wie die Realität zeigt, ein
besonderer Bedarf", so Johannes Steinhart, Obmann der Bundeskurie
Niedergelassene Ärzte und ÖÄK-Vizepräsident. Dass es nicht
ausreichend Kassenverträge für niedergelassene Kinder- und
Jugendpsychiater gebe, sei "aus medizinischer und ethischer Sicht
völlig unverständlich. Hier wird einfach auf Kosten der Kleinsten,
Jüngsten und Schwächsten gespart." (bk)
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | NAE






