"DER STANDARD"-Kommentar: "Unberechenbar" von Gudrun Harrer

Die USA nützen in Syrien die Gelegenheit, die schwachen Rebellen zu stärken - Ausgabe vom 29.8.2013

Wien (OTS) - Aktion A - Giftgas - zieht Aktion B - US-Angriff - nach sich, so weit ist bei dem derzeitigen Syrien-Szenario alles klar. C ist bereits schwerer abzusehen: Wird Bashar al-Assad seine Abstrafung zur Kenntnis nehmen, froh, dass es nicht mehr geworden ist? Denn nach derzeitigem Stand ist davon auszugehen, dass es sich bei der zu erwartenden US-Militäraktion um einen gezielten und beschränkten Angriff handeln wird. Es soll kein Kriegseintritt werden. Von früheren Mutmaßungen über ein Eingreifen von Spezialkräften in Syrien, um die Chemiewaffen zu sichern, hört man momentan auch nichts mehr - das dürfte erst schlagend werden, wenn sie bei den Jihadisten landen.
Wobei bei all dem Nebel, der jetzt gestreut wird, klare Konturen dessen, was geschehen wird, nicht auszumachen sind. Das können selbst die Beteiligten nicht: Die Dynamiken, die sich entwickeln, wenn man einen großen Brocken in einen schon brodelnden Vulkan hineinwirft, lassen sich nicht berechnen. Deshalb muss die Motivation für die Akteure schon sehr stark sein: Die vorherrschende Version von der "Strafe" für das Assad-Regime, von der "Abschreckung", die einen weiteren Einsatz von Chemiewaffen verhindern soll, ist jedenfalls nicht sehr befriedigend - außer sie wird in einen breiteren Kontext gestellt, der mit humanitären Fragen wenig zu tun hat.
Zwar kam die syrische Armee durch die von Saudi-Arabien gelieferten Waffen in den vergangenen Wochen wieder mehr unter Druck. Aber die militärische Konsolidierung Assads seit Jahresbeginn, vor allem manifestiert in der Rückeroberung von Qusayr und Homs, lässt sich nicht leugnen. Die Meinung von 2012, dass es nur eine Frage der -kurzen - Zeit sei, bis das Regime fällt, gilt nicht mehr. Auch die USA trugen dieser Tatsache Rechnung: indem sie sich mit Russland auf die Abhaltung der Genf-2-Konferenz verständigten, die ein Eingeständnis ist, dass das syrische Regime in irgendeiner Form bei der Transition mitreden wird.
Und nun - wenn denn die Vorwürfe stimmen - greift Assad bei der Offensive in Ghouta, die schon länger erwartet wurde, zu Massenvernichtungswaffen, nicht nur tödlich für 350 Personen, sondern auch eine Terrorwaffe allererster Ordnung. Das würde heißen, er ist bereit, Tabula rasa zu machen, mit allen Mitteln. Dann braucht es auch kein Genf 2 mehr.
Die Rebellen hingegen - damit sind die der politischen Opposition im Ausland verbundenen gemeint - gehen nicht nach Genf 2, solange sie so schwach sind wie jetzt. Ein US-Angriff hätte zweierlei Zweck: das Signal, dass foul play - als ob das andere fair wäre - nicht geduldet wird; und eine faktische Rebalancierung der militärischen Kräfte, indem man der syrischen Armee Schaden zufügt. Aber all das funktioniert nur, wenn Assad und seine Verbündeten, außer vielleicht etwas Theaterdonner, im Wesentlichen stillhalten.
Für den Iran steht die Normalisierung mit den USA auf dem Spiel - die so manchem Golfaraber und Israeli ohnehin missfällt. Hält es Präsident Hassan Rohani durch, Prioritäten zu setzen, oder geht Teheran in die Falle der eigenen "Achse des Widerstands" Rhetorik? In Teheran gaben sich soeben der omanische Sultan Qabus und UN-Untergeneralsekretär Jeffrey Feltman - früher US-Vizeaußenminister und Botschafter im Libanon - die Klinke in die Hand. Ob ihnen Erfolg beschieden war, wird sich bald zeigen.

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