• 06.08.2013, 18:54:34
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DER STANDARD-Kommentar: "Die verzögerte Integration" von Irene Brickner

"Wie Sebastian Kurz' Politik der kleinen Schritte zu einem Rückstand führte"; Ausgabe vom 7.8.2013

Utl.: "Wie Sebastian Kurz' Politik der kleinen Schritte zu einem
Rückstand führte"; Ausgabe vom 7.8.2013 =

Wien (OTS) - In gewisser Hinsicht kann man von einer Erfolgsstory
sprechen. Denn verglichen mit anderen Politikbereichen in Österreich
zeichnet sich das vielfältige Themenfeld, das unter dem Titel
Integration läuft, durch eine gewisse Dynamik aus - nicht zuletzt
wegen der bereits konkret gesetzten Maßnahmen.
So strichen Staatssekretär Sebastian Kurz und
Expertenbeiratsvorsitzender Heinz Faßmann bei der Vorstellung des
diesjährigen Integrationsberichts etwa mit Recht die laufenden
Programme zur Anerkennung ausländischer akademischer Ausbildungen
heraus: Schritte gegen die in Österreich tief verankerte Missachtung
der Qualifikationen Fremder, die ihren Ausdruck etwa in der Gestalt
tausender taxifahrender Doktoren hat.
Sie wiesen auf die guten Erfahrungen mit dem verpflichtenden
Kindergartenjahr hin, das mithilft, frühe Sprachdefizite zu
verhindern - um ein zweites derartiges Jahr zu fordern. Und sie
lobten das laut Umfragen seit Jahren sich verbessernde sogenannte
Integrationsklima im Land: Hatten 2010 noch 18 Prozent der
Bevölkerung gemeint, das multinationale Zusammenleben funktioniere
"sehr schlecht", so sind es heuer nur noch neun Prozent.
Das ist, was den gesellschaftlichen Konsens angeht, eindeutig
positiv. Doch es ist wohl nur teilweise den in Österreich betriebenen
Integrationspolitiken zu verdanken. Vielmehr drückt sich in dieser
gestiegenen Migrationsakzeptanz auch schlicht ein Prozess der
Normalisierung aus: Es scheint, als verschlössen die Hiesigen die
Augen nicht länger vor dem Umstand, dass Österreich ein
Einwanderungsland geworden ist, als würden sie es zumindest als
Faktum hinnehmen.
Noch zu Beginn der jetzt endenden Legislaturperiode war das nicht
selbstverständlich gewesen, Parolen von der FPÖ und anderen Rechten,
die einen absoluten Einwanderungsstopp forderten, erschienen vielen
glaubwürdig. Mit der Realität im sich vereinenden Europa, in der sich
globalisierenden Welt waren derlei Vorstellungen schon damals auf
Kollisionskurs. Denn während hierzulande diskutiert wurde, ob
Einwanderung überhaupt sein dürfe, zerbrachen sich Wirtschafts- und
Demografieexperten schon darüber den Kopf, wie man junge, gut
ausgebildete Wunschmigranten dazu bringen könne, just ins kleine
Österreich einzuwandern.
Als Mittel der Wahl wurde daraufhin die Rot-Weiß-Rot-Card erfunden
und beschlossen. Aber sie brachte nicht wirklich den erwünschten
Erfolg, nur wenige kamen: zu restriktiv, zu sehr vom Gedanken
strenger Kontrolle getragen, lautet jetzt die Kritik, der sich
punktuelle Verbesserungsvorschläge anschließen. Etwa was die Höhe des
nachzuweisenden Einkommens betrifft.
Doch derlei Kosmetik könnte sich, so sie nach der Wahl zur Anwendung
kommt, rasch als unzureichend entpuppen. Weil sich die
Migrationsströme in den vergangenen Jahren verändert haben, die gut
ausgebildeten Menschen auf der Suche nach Jobs und Auskommen neue
Wege gehen, wie der renommierte Migrationsforscher Stephen Castles
erläutert.
Ein paar Jahre hier, ein paar Jahre dort, immer den gerade
vorteilhaftesten Bedingungen nach: eine Entwicklung, angesichts deren
die langsamen Integrationsverbesserungsschritte Österreichs wenig
konkurrenzfähig erscheinen. Zusammengefasst: zu viel Dynamik von
außen.

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