• 05.08.2013, 18:57:54
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  • OTS0134 OTW0134

DER STANDARD-Kommentar: "Gesellschaftliche Verpflichtung" von Michael Völker

"Die Politik muss ihrem Bildungsauftrag nachkommen - ohne Sanktionen"; Ausgabe vom 6.8.2013

Utl.: "Die Politik muss ihrem Bildungsauftrag nachkommen - ohne
Sanktionen"; Ausgabe vom 6.8.2013 =

Wien (OTS) - Mit Vorschriften sind die Gesellschaft und das System an
diesen jungen Menschen bereits gescheitert: Wer sich seiner
Ausbildung entzogen hat, hat die Schulpflicht eine Pflicht sein
lassen, die ihm nichts abverlangt und die er selbst nicht ernst
genommen hat. Für die Betroffenen ist das, auch wenn sie es im
jugendlichen Gleichmut nicht erkennen wollen, ebenso eine Katastrophe
wie für die Gesellschaft. Das sind die Minderbeschäftigten, die
Arbeitslosen von morgen, die Ersten, die auf die Straße gesetzt
werden, die Letzten, die wieder einen Job finden. Das sind jene, die
nie genug Geld verdienen werden, die an sich selbst leiden werden, an
denen die Gesellschaft leiden wird, nicht nur in ökonomischer
Hinsicht.
Es sind erschreckend viele junge Menschen, die die vorgeschriebene
Schulpflicht nur absitzen und oft nicht einmal einen Abschluss haben
- geschweige denn eine sinnvolle Ausbildung absolvieren. Diese jungen
Menschen, 7000 jedes Jahr, können oft nicht richtig lesen, schreiben,
rechnen, sie haben keine Allgemeinbildung. Ihnen fehlt Bildung. Das
heißt auch: In einer auf Leistung ausgerichteten Gesellschaft werden
sie scheitern. Müssen sie scheitern. Nicht, dass Leistung alles ist
und sich jeder diesem Diktat unterwerfen muss - aber es sollte
wenigstens im Ansatz im Ermessensspielraum jedes Einzelnen liegen, ob
und wie er an dieser Leistungsgesellschaft teilnimmt. Wer gar nichts
kann und weiß, hat diesen Spielraum nicht, sein Scheitern ist
vorgezeichnet. Ausnahmen, wie der partielle Analphabet, der
dreifacher Formel-1-Weltmeister wurde, bestätigen diese Regel eher,
als sie sie infrage stellen.
Ob es Sinn macht, eine Pflicht, die Schulpflicht, durch eine andere,
eine Bildungspflicht bis maximal 18 Jahre, zu ersetzen, muss
hinterfragt werden, gerade dann, wenn die Gefahr besteht, dass hier
nur Begriffe behübscht werden. Junge Menschen, die so radikal an der
Bildung scheitern, haben oft eine schwierige Geschichte, haben
psychische Probleme oder entstammen einem Milieu, das ihnen Chancen
nimmt statt gibt. Eine statistische Wahrheit: Die Hälfte von ihnen
hat Migrationshintergrund. Hat also auch sprachlich ein Defizit mit
auf den Weg bekommen, abgesehen von einer gewissen Gleichgültigkeit,
mit der ihnen die - österreichische - Gesellschaft gegenübersteht.
Aber: Die andere Hälfte hat keinen Migrationshintergrund. Dennoch
sind auch hier schwere sprachliche Defizite vorhanden.
Da geht es nicht nur um individuelles Versagen, an diesen jungen
Menschen ist das System gescheitert. Hier hat die Schule versagt. Da
hat die Gesellschaft eine Bringschuld, gerade auch dann, wenn die
Eltern im Einzelfall Schuld an der Misere tragen.
Die betroffenen jungen Menschen wird man nicht "verbessern" können,
mit keiner Pflicht. Das System muss verbessert werden, die Schule
muss besser werden, sie braucht mehr Kapazitäten und Ressourcen. Eine
ganz entscheidende Rolle kommt offenbar auch dem Kindergarten zu, der
von der Politik - jüngstes Beispiel ist die Ausbildungsreform für
Pädagogen, die den Kindergarten ausklammert - sträflich
vernachlässigt wird.
Nicht die Jugendlichen gehören mit Sanktionen bedroht. Die
Gesellschaft und ihre Politik gehören in die Pflicht genommen: Es ist
Aufgabe der Bildungseinrichtungen, den Jugendlichen Wissen, Werte und
ein Können zu vermitteln - auch wenn und weil das nicht immer einfach
sein mag.

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PST

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