Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 26. Juli 2013; Leitartikel von Wolfgang Sablatnig: "Lehrers Liebkind macht Probleme"

Innsbruck (OTS) - Utl: Beim Bildungssystem besteht dringender Handlungsbedarf. Das zeigen nicht nur schlechte Ergebnisse, sondern auch unverständliche wie die neue Studie über den schwachen Zusammenhang zwischen Schulnoten und Leistung.

Die Erfahrung ist so alt wie das Schulsystem. Wer dem Lehrer oder der Lehrerin besser zu Gesicht steht, darf mit besseren Noten rechnen. Dank einer Sonderauswertung der OECD zum PISA-Test 2009 lässt sich dieser "Liebkind"-Effekt nun auch wissenschaftlich festmachen: Mädchen werden - zumindest in Deutsch - im Durchschnitt besser benotet als Burschen. Schüler aus "sozioökonomisch begünstigten" Familien - mit mehr Einkommen, "besserem" Beruf und "besserem" Wohnort - werden ebenfalls besser benotet.

Gerade die Schulnoten spielen im österreichischen Schulsystem aber eine entscheidende Rolle. Solange das differenzierte Schulsystem besteht, entscheiden die Noten über die Schullaufbahn.
Erst bei der Matura sollen künftig einheitliche Standards gelten, die eine Note aus einem Tiroler Gymnasium mit der einer Wiener AHS vergleichbar machen. Warum auch nicht? An der Uni treffen die Studierenden aus dem Zillertal und aus Hietzing ja auch aufeinander. In den unteren Schulstufen bewertet und benotet aber jeder Pädagoge für sich. Auch die Tests der Bildungsstandards, auf die Unterrichtsministerin Claudia Schmied so viel Herzblut verwendet hat, sind ausdrücklich nicht dafür gedacht, die Lehrerinnen und Lehrer bei der Notenvergabe zu unterstützen.
Die nächste Regierung wird gefordert sein, auch in dieser Frage eine intelligente Antwort zu finden, die das schulische Fortkommen eines Kindes zwar von der Einschätzung der Pädagogen abhängig macht, die Jahre mit ihm gearbeitet haben und es kennen, die aber auch objektive und vergleichbare Elemente beinhaltet.
Möglich werden intelligente Lösungen aber nur, wenn es eine neue Regierung schafft, Schulfragen endlich ohne ideologische Fixierungen zu verhandeln. Das Ziel müssen optimale Bedingungen für alle Kinder und Jugendliche sein, egal wie die Schule dann heißt, egal wessen (partei-)politisches Liebkind die Lehrer sind.
Die Koalition hat in den vergangenen fünf Jahren Fortschritte in der Bildungspolitik erzielt, von der Neuen Mittelschule bis zur Lehrerausbildung. Was fehlt, sind aber grundlegende Entscheidungen, die nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit wieder in Frage gestellt werden.
Nur so kann das Bildungssystem positiv weiterentwickelt werden -nicht als Selbstzweck, sondern im Interesse der Kinder- und Jugendlichen und des gesamten Landes.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001