TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 6. Juli 2013 von Alois Vahrner "Zwischen Big Brother und Stasi"

Innsbruck (OTS) - Utl.: Das Auftauchen immer neuer Fakten und Vorwürfe, wie Bürger in Europa und den USA von Geheimdiensten ausspioniert werden, ist erschreckend. Die angeblich freie Welt ist dabei, sich selbst abzuschaffen.

Big Brother is watching you: Der Große Bruder ist im bedrückenden Roman 1984 von George Orwell der Diktator des totalitären Staates "Ozeanien", der die Kontrolle und Unterdrückung seiner Bürger zur Perfektion getrieben hat. In der darin beschriebenen Gesellschaft befindet sich jeder Bewohner unter der vollständigen Überwachung durch die Behörden. Der Große Bruder ist allgegenwärtig und verfolgt die Bürger bis in die intimsten Bereiche ihres Lebens.
Die einstige Fiktion ist leider in großen Teilen Wirklichkeit geworden, wenn man sich die jüngsten Enthüllungen des abtrünnigen US-Spions Edward Snowden und von Medien über fragwürdige Praktiken in den USA, aber auch in etlichen Ländern Europas vor Augen führt - dass die Vereinigten Staaten etwa weltweit den kompletten E-Mail-Verkehr oder soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter ebenso kontrollieren und speichern wie die Festnetz- und mobile Kommunikation und, wie jetzt bekannt wurde, offenbar auch den kompletten Briefverkehr. Europa reagierte auf installierte Wanzen und Spionage auch im EU-Gebäude halbherzig und bei der erzwungenen Landung von Boliviens Staatspräsident Evo Morales fast schon unterwürfig. Ob es wieder einmal mangelnde Einigkeit und Schlagkraft in der europäischen Politik war oder schlechtes Gewissen, weil auch hierzulande Bürger gnadenlos ausgespäht werden, muss sich erst herausstellen. Bisher gab es bereits Vorwürfe etwa gegen Großbritannien oder Frankreich, dass dort ebenfalls bis ins Letzte spioniert wird. Weitere Länder könnten dem noch folgen.
Spätestens seit den Horrorflügen von Al-Kaida in die Zwillingstürme des World Trade Center in New York haben die USA Freiheitsprinzipien, die sie einst so stark gemacht haben, über Bord geworfen. Von publik gewordenen Folterungen, vom außerhalb jedes Gesetzes und damit öffentlicher Kontrolle stehenden Gefangenenlager Guantanamo bis hin zur immer unverschämteren Kontrolle der Bürger. Alles unter dem Mäntelchen der Terrorismus-Bekämpfung. In totalitären Staaten waren und sind solche Stasi-Methoden unabdingbar für den Machterhalt. Das westliche Demokratie-Modell hat sich davon abgehoben - und war damit auch erfolgreich. Eine Gesellschaft allerdings, die wegen des vermeintlichen Anti-Terror-Kampfs sämtliche Bürger- und Menschenrechte aufgibt oder sich das widerspruchslos gefallen lässt, gibt sich letztlich selbst auf. Es gilt daher: Sicherheit ja, aber dafür darf nicht jeder Preis gezahlt werden.

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