• 28.06.2013, 18:44:42
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DER STANDARD - Kommentar "Provinzielle Erpressung" von Alexandra Föderl-Schmid

Bedrohter Bachmann-Preis: Wrabetz blamiert sich, den ORF und Österreich

Utl.: Bedrohter Bachmann-Preis: Wrabetz blamiert sich, den ORF und
Österreich =

Wien (OTS) - Eines muss man ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz
lassen: Dass der ORF sparen muss, ist jetzt europaweit bekannt. Seit
der Ankündigung, dass die Tage der deutschsprachigen Literatur in
Klagenfurt und damit der Ingeborg-Bachmann-Preis durch die
ORF-Sparmaßnahmen gefährdet sind, vergeht kaum ein Tag ohne
öffentlichen Protest. Bisherige Teilnehmer des Wettbewerbs und
Preisträger sowie Verleger melden sich zu Wort.
Zuletzt Uwe Tellkamp, der in der Süddeutschen Zeitung auf die
Diskrepanz zwischen dem Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks
und der Realität hinwies: "Das öffentlich-rechtliche Fernsehen
fördert Busen-Shows und sonstige Spaßvögel. Nichts dagegen. Aber
Bildungsauftrag meint auch, sich Fragen zu stellen."
Wer die vom TV-Sender 3sat übertragenen Auftritte der
Nachwuchsliteraten in den vergangenen Jahren verfolgt hat, wird
zustimmen, dass nicht jede Schriftstellerin, jeder Autor zum Showstar
taugt. Gleiches gilt aber auch für Darsteller in diversen Modelshows
und den Dancing Stars-Wettbewerben im ORF.
Als Castingshow für die Literatur hat Klagenfurt wichtige Bedeutung.
Denn Literatur braucht Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit, was das
Wettlesen in Klagenfurt seit 1977 bietet. So wie bei Kochshows im
Fernsehen der Entstehungsprozess verfolgt werden kann und durch die
Gespräche über Kulinarisches Geschmacksbildung erfolgt, so ermöglicht
dieses Lesefestival literarische Urteilsbildung. Es gibt dabei
magische Momente, die zeigen, wie sehr Literatur in den Bann ziehen
kann.
Die Klagenfurter Bühne ermöglichte die Entdeckung von Talenten, die
sich häufig zu Stars der Literaturszene mausern. Uwe Tellkamp,
bekannt durch seinen inzwischen vom TV verfilmten Roman Der Turm, ist
ein Beispiel. Inge Schulze, Jenny Erpenbeck und Thomas Hettche sind
erstmals in Klagenfurt einer breiteren Öffentlichkeit aufgefallen.
Arno Geiger wurde in Kärnten von seinem Verlag entdeckt.
Den Stellenwert von Literatur und Lesen hat der Schriftsteller
Karl-Markus Gauß vergangene Woche in einem im Standard
veröffentlichten Beitrag in einen Satz gefasst: "Wo die Dummheit zum
Bildungsideal geworden ist, da hat es die Literatur schwer."
Projektpartner wie die Stadt Klagenfurt und das ORF-Landesstudio
Kärnten waren von der Ankündigung des ORF-Generals überrascht.
Vielleicht wollte Wrabetz gar nicht die deutschsprachige
Literaturszene auf-, sondern die Politszene erschrecken. In den
vergangenen Monaten hat Wrabetz gedroht, das Radio
Symphonieorchester, das Radiokulturhaus, FM4 etc. zuzusperren oder
Mittel für österreichische Filmproduktionen zu kürzen.
Das Ziel: Druck zu machen, damit der ORF weiteres Geld vom
Steuerzahler bekommt. Zwischen 2010 bis 2013 erhielt der ORF als
Ersatz für den Entgang durch Rundfunkgebührenbefreiungen insgesamt
160 Millionen Euro. Obwohl diese Mittel an Auflagen wie
Programminnovationen gebunden waren, wird etwa der auf Kultur und
Information spezialisierte Kanal ORF_III weiter kurz gehalten.
Da sich Bedrohungen abnutzen, wenn man sie häufig wiederholt, hat
Wrabetz das Klagenfurter Lesefestival der Erpressungsliste
hinzugefügt. Jetzt hat er den provozierten Aufschrei. Wie beim
Golan-Rückzug zeigt sich die Provinzialität österreichischer
Potentaten. Wrabetz blamiert sich, den ORF und Österreich.

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