Presserat: Entscheidung gegen "Kronenzeitung" wegen Suizidberichterstattung

Wien (OTS) - Zwei Artikel über den Suizid einer 13-jährigen Schülerin, erschienen am 30. und am 31. Jänner 2013 in der "Kronen Zeitung", sowie ein am 2. Februar dazu erschienener Leserbrief sind ein schwerwiegender Verstoß gegen den Ehrenkodex für die österreichische Presse.
In den Artikeln wurde über den Suizid einer 13-Jährigen berichtet. Als Grund für den Suizid wird Mobbing durch Mitschüler angeführt. Außerdem wurden Einzelheiten über die Art und Weise des Suizids der 13-Jährigen veröffentlicht.

Zu Punkt 11 des Ehrenkodex (Suizidberichterstattung)

Vor allem im Artikel vom 31. Jänner wird der Suizid in allen Einzelheiten und in einer Art und Weise beschrieben, die Nachahmungen zur Folge haben könnte.
Eine derart detaillierte Beschreibung ist laut zuständigem Senat 2 des Presserats ein Verstoß gegen Punkt 11 des Ehrenkodex, wonach bei der Berichterstattung über Suizide wegen der Gefahr der Nachahmung große Zurückhaltung erforderlich ist (in der Wissenschaft spricht man vom sogenannten Werther-Effekt). Anmerkung: Punkt 11 des Ehrenkodex wurde vom Trägerverein des Presserats im vorigen Jahr neu beschlossen, da die freiwillige Zurückhaltung der Medien bei der Berichterstattung über Suizide nachgelassen hatte.

Zu den Punkten 5 und 6 des Ehrenkodex (Persönlichkeitsschutz und Schutz der Intimsphäre)

Mobbing in Schulen und Suizide von Schülern sind nach Meinung des Senats Themen, die unsere Gesellschaft bewegen. An der Aufarbeitung dieser Themen, aber auch an der Berichterstattung über konkrete Fälle, besteht ein öffentliches Interesse. Zugleich handelt es sich hierbei aber auch um sehr heikle, schmerzliche Ereignisse, an die verantwortungsvoller Journalismus mit viel Fingerspitzengefühl herangehen sollte. Gerade wenn Minderjährige - im konkreten Fall eine 13-Jährige - betroffen sind, muss die Abwägung zwischen dem Nachrichtenwert einerseits und der Wahrung von Persönlichkeitsrechten und der Intimsphäre der Minderjährigen andererseits besonders sorgsam vorgenommen werden (siehe Punkt 6.2 des Ehrenkodex, der dem Schutz der Intimsphäre von Kindern dezidiert Vorrang einräumt).
Der Senat betont, dass sowohl die Würde als auch die Intimsphäre eines Menschen über dessen Tod hinaus geschützt sind (siehe auch die Entscheidungen 2011/S 1 II, 2011/S 2 I und 2011/78).
Zum Schutz der Rechte der jugendlichen Verstorbenen und ihrer Familienangehörigen sollten private und identifizierende Details tunlichst vermieden werden, das gebieten die Punkte 5 und 6 des Ehrenkodex (siehe auch die Entscheidung 2011/78). Die vorliegende Berichterstattung verletzt das Pietätsgefühl der Angehörigen und erschwert deren Trauerarbeit, so der Senat weiter.
Aber auch die Mitschüler, die für den Tod ihrer Kollegin öffentlich verantwortlich gemacht werden, haben Anspruch auf Persönlichkeitsschutz wie auch auf Schutz ihrer Intimsphäre. Sie sind erst 13 Jahre alt und werden in den beiden genannten Artikeln pauschal verurteilt, ohne selbst Stellung nehmen zu können.
Eine solche Pauschalverurteilung (siehe Punkt 5.4 des Ehrenkodex) kann laut Senat schwerwiegende Auswirkungen haben. Zwar werden in den Artikeln keine Namen von Mitschülern genannt, doch in der Schule und in deren Umfeld sind die betroffenen Jugendlichen identifizierbar. Wie sie selbst in einem nicht veröffentlichten Leserbrief angeben, wurden manche von ihnen infolge der verfahrensgegenständlichen Berichterstattung sogar auf der Straße angepöbelt. Derart öffentlich "an den Pranger gestellt" zu werden, bedeutet für diese 13-Jährigen eine zusätzliche Belastung (zusätzlich in Hinblick darauf, dass sie auch den Tod ihrer Mitschülerin verarbeiten müssen).
Durch die Veröffentlichung des Leserbriefes "Der Tod als Erlösung?" am 2. Februar 2013 wurde der Druck auf die Jugendlichen noch einmal erhöht. Aussagen wie "Niemand konnte oder wollte die quälenden Kinder in ihrem vernichtenden Verhalten stoppen" und "E. hat ihren Frieden gefunden, und sie möge in Frieden ruhen, ihre Peiniger haben ab jetzt die Hölle auf Erden" sind nach Auffassung des Senats geeignet, die Persönlichkeitssphäre der beschuldigten Minderjährigen empfindlich zu verletzen. Nach Meinung des Senats hätte ein solcher Leserbrief nicht abgedruckt werden dürfen.
Selbst wenn der Vorwurf des Mobbings stimmte - was in keiner Weise erwiesen ist -, wären öffentliche Vorhaltungen und Schuldzuweisungen jedenfalls der falsche Weg, die Geschehnisse aufzuarbeiten.
Hinzu kommt, dass ein Suizid zumeist viele Ursachen hat und nicht auf eine einzige zurückgeführt werden kann.

SELBSTÄNDIGES VERFAHREN AUS EIGENER WAHRNEHMUNG

Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der beiden Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig.
Im vorliegenden Fall hat der Senat 2 des Presserats auf eigene Initiative ein Verfahren durchgeführt (selbständiges Verfahren aus eigener Wahrnehmung). In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob ein Artikel den Grundsätzen der Medienethik entspricht. Von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, hat die Medieninhaberin der "Kronen Zeitung" nicht Gebrauch gemacht.
Bisher hat sich die Medieninhaberin der "Kronen Zeitung" der Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats nicht unterworfen.

Rückfragen & Kontakt:

Andreas Koller, Sprecher des Senats 2, Tel.: 01-53153-830

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