Presserat: Verwendung eines "Symbolfotos" für eine konkrete Person verstößt gegen Ehrenkodex

Die Veröffentlichung eines Agenturbilds als "Symbolfoto" für eine Kenianerin, die Opfer einer Straftat wurde, ist ein medienethischer Verstoß

Wien (OTS) - Der Senat 2 bewertete einen Artikel in der Tageszeitung "Österreich" über eine kenianische Frau, die in einer Wiener U-Bahn-Station von einem Mann auf die Geleise gestoßen und dabei verletzt worden war (Ausgabe vom 8.1.2013). Dem Artikel war ein verpixeltes und mit einem schwarzen Balken versehenes Agenturbild beigegeben, das irgendeine schwarze Frau zeigt und mit dem Wort "Symbolfoto" gekennzeichnet war.

Der Senat betonte, dass hier einem Bericht über einen Vorfall, der tatsächlich geschehen ist, ein Bild beigefügt wurde, das mit dem Vorfall nichts zu tun hat. Den Lesern wurde dadurch nach Meinung des Senats Authentizität vorgetäuscht. Das Bild führte auch deshalb in die Irre, weil im beigefügten Bildtext angemerkt wurde, dass es sich tatsächlich um das Opfer der Straftat handle.
Eine derartige falsche Darstellung ist laut Senat ein Verstoß gegen Punkt 2.1 des Ehrenkodex für die österreichische Presse, wonach Gewissenhaftigkeit und Korrektheit in der Wiedergabe von Nachrichten oberste Verpflichtung von Journalisten sind. Auch Bilder können unter diesen Punkt fallen, wenn sie - wie hier - Nachrichten vermitteln.

Das Medium hat zwar in der rechten Ecke des Agenturbilds angemerkt, dass es sich um ein Symbolfoto handle. Da dieser Hinweis jedoch sehr klein ausgefallen ist, wurden die Leser über die wirklichen Umstände nicht ausreichend aufgeklärt, so der Senat weiter.
Abschließend weist der der Senat darauf hin, dass Symbolfotos typischerweise bei Berichten eingesetzt werden, in denen keine konkreten Personen im Mittelpunkt stehen. Gegen den Einsatz von Symbolfotos ist prinzipiell nichts einzuwenden, wenn der Symbolcharakter offenkundig oder das Bild entsprechend gekennzeichnet ist. Die Verwendung eines "Symbolfotos" für eine konkrete Person -hier das Opfer einer kriminellen Handlung - wird der Individualität des Menschen aber nicht gerecht und erscheint dem Senat deshalb grundsätzlich als medienethisch bedenklich.

SELBSTÄNDIGES VERFAHREN AUFGRUND EINER MITTEILUNG EINES LESERS

Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der beiden Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig.
Im vorliegenden Fall hat der Senat 2 des Presserats aufgrund einer Mitteilung eines Lesers ein Verfahren durchgeführt (selbständiges Verfahren aufgrund einer Mitteilung). In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob ein Artikel den Grundsätzen der Medienethik entspricht. Von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, hat die Medieninhaberin der Tageszeitung "Österreich" nicht Gebrauch gemacht.
Bisher hat sich die Medieninhaberin der Tageszeitung "Österreich" der Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats nicht unterworfen.

Rückfragen & Kontakt:

Andreas Koller, Sprecher des Senats 2, Tel.: 01-53153-830

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