TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 11. Mai 2013 von Peter Nindler "Am Ende werden die Messer gewetzt"

Innsbruck (OTS) - Utl.: In der Krise gewähren Tirols Freiheitliche immer Einblicke in ihr Innerstes. Gefestigte Parteistrukturen und starke Persönlichkeiten fehlen in der FPÖ. Auch der seit 2004 amtierende Parteichef Gerald Hauser muss das jetzt erkennen.

Dass nach den Verlusten von drei Prozent bei der Landtagswahl eine Obmanndiskussion bei den Tiroler Freiheitlichen ausbricht, kommt nicht überraschend. Zum einen passen Niederlagen nicht ins blaue Weltbild, andererseits führt Gerald Hauser die Partei bereits seit neun Jahren. Damit ist er aktuell der längstdienende Tiroler Parteichef. Da kommt es zu Abnützungserscheinungen und Entfremdungen. Und eine Partei zu führen, deren Basis inhomogen und Personaldecke mehr als dünn ist, gleicht einer tagtäglichen Gratwanderung. Überlagert wird diese Herausforderung noch damit, dass der Partei-und Klubchef die FPÖ von Osttirol aus führt, weil Hauser 2010 zum Bürgermeister seiner Heimatgemeinde gewählt wurde.
Politische Erfolge würden den kaum zu bewältigenden Spagat übertünchen, doch die blieben zuletzt aus. Vielmehr rumort es seit 2010. Oft überhastete Parteiausschlüsse deckten die eigentliche Leistung des Sachpolitikers Hauser mit seinem Trennstrich zum rechten Rand zu. Allerdings wurde die Absage an Rechts durch die menschenverachtende Marokkaner-Kampagne beim Innsbrucker Gemeinderatswahlkampf 2012 deutlich relativiert. Weil auch der Rückenwind vom Bund fehlt, präsentiert sich die Tiroler FPÖ als Unruheherd. Alle, die mit Hauser eine Rechnung offen haben - von den Rechten bis zu den persönlich Enttäuschten -, wollen sie jetzt begleichen. Aus diesem Dilemma kommt der Parteichef nicht mehr heraus. Weil auch Bundesparteiobmann HC Strache auf Distanz zu Hauser geht.
In der Krise ist die FPÖ stets unberechenbar. Mangels fehlender bzw. gefes tigter Strukturen und starker Persönlichkeiten weiß man nie, wer in einem Konflikt letztlich die Oberhand behält. Plötzlich auftauchende Glücksritter können wenig später schon wie die Sternschnuppen verglühen. Mit der Reformkommission verschafft sich Hauser vorerst Luft, doch der Sauerstoff wird nicht ewig vorhanden sein. Es sind Lippenbekenntnisse, dass der Parteivorstand hinter ihm steht und keiner ihn vorerst beerben will. Nicht mehr. Noch hat es Hauser in der Hand, seine Nachfolge zu regeln. Seine Zeit an der Parteispitze ist jedoch abgelaufen. Das spürt er, und das wissen auch die Funktionäre. Bisher erfolgte noch jeder Wechsel an der Tiroler Parteispitze mit vielen blauen Schrammen. Ob der längstdienende Parteichef mit dieser Tradition brechen kann, ist ungewiss. Denn das freiheitliche Messerwetzen hat bereits eingesetzt.

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