Diskussion um Provisionsverbot für Versicherungsmakler: Fachverband schlägt Alarm

"Den Konsumenten schadet, womit die EU sie schützen will", warnt Fachverbandsobmann Riedlsperger

Wien (OTS/PWK236) - Die EU konterkariert mit der neuen Richtlinie IMD II ihre eigenen Transparenz-Zielsetzungen. Denn gerade zwischen Offenlegungszwängen und Angriffen auf die einzige Berufsgruppe, die allein seine Interessen unabhängig vertritt, verliert der Konsument die Orientierung und gelangt zu falschen Kaufentscheidungen Eine jüngst publizierte WIFO-Studie bestätigt dies.

Sie ist seit ihrem Entwurfsstadium massiv umstritten und jetzt auf dem Tisch und in aller Munde: Die europäische Richtlinie IMD II (Insurance Intermediation Directive II), die ein Provisionsverbot in Zusammenhang mit dem Verkauf von Versicherungsanlageprodukten, also fonds- und indexgebundenen Lebensversicherungen, vorsieht. Sie soll den angenommenen Interessenskonflikt des Versicherungsmaklers zwischen Profitmaximierung und objektiver, vergleichender Beratung im Sinne des Konsumenten aushebeln. Wie Konsumenten in der wirtschaftspsychologisch gut erforschten Realität zu ihren Kaufentscheidungen gelangen, wurde für IMD II indes außer Acht gelassen.

Konsumentenschutz in aller Kurzsichtigkeit
Die Absichten mögen redliche und die intendierten Effekte erstrebenswerte sein - man hat sich auch für IMD II den Konsumentenschutz auf die Fahnen geheftet. Die Realität könnte davon stark abweichen und wird es jedenfalls laut Stimmen aus Fachkreisen auch tun: Der Konsument läuft Gefahr, den einzigen Versicherungspartner, der gänzlich in seinem Sinne und unabhängig agiert, zu verlieren. Ebenso wie die seriöse Möglichkeit, Produkte und Provisionen zu vergleichen.

Eine weitere Schattenseite der Offenlegungspflicht liegt in ihrer Ähnlichkeit zu einem Rabattverbot, das in einigen Bereichen des österreichischen Sachversicherungsmarktes mit hoher Wahrscheinlichkeit die Kartellbildung erleichtern und den Wettbewerb verringern würde.

Neue WIFO-Studie findet die blinden Flecken von IMD II
Eine aktuellen Studie des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO) zu den Folgen der Offenlegungspflicht der Vermittlungsvergütung laut IMD II kommt bezüglich der zu erwartenden Auswirkungen der Richtlinie auf den heimischen Versicherungsmarkt und den österreichischen Konsumenten zu wenig erbaulichen Schlussfolgerungen. Eine Kostensteigerung für Versicherungsprodukte, die zum einen dem Umstellungsaufwand im System, zum anderen aber auch dauerhaften Marktphänomenen geschuldet sein wird, ist dabei nur eine Art unerwünschter Nebeneffekt der Initiative für mehr Transparenz.

Der Haupteffekt der Umsetzung im IMD II ist in Gestalt eines Rückgangs des Marktanteils unabhängig beratender Versicherungsmakler zu erwarten - und in einer Fehlentscheidungen begünstigenden systematischen Desorientierung des Konsumenten, der Provisionshöhen statt Deckung und Leistung zur Grundlage seiner Entscheidung für oder gegen Versicherungsprodukte machen wird.

Weniger Provision macht sympathisch - und begünstigt Fehlentscheidungen
"Das Problem der Offenlegung sehen wir dabei keineswegs in der Transparentmachung eines ohnehin nicht geheimen Entlohnungssystems, sondern in der systematischen Verzerrung durch unterschiedliche Offenlegungsrichtlinien für verschiedenen Berufsgruppen, die Versicherungen anbieten", erläutert Gunther Riedlsperger, WKÖ-Fachverbandsobmann der Versicherungsmakler. So muss der unabhängige Versicherungsmakler neben dem eigentlichen Provisionsvolumen auch alle in irgendwelchen kausalen Zusammenhängen dazu stehenden pekuniären Remunerationen offenlegen, der angestellte Versicherungsmitarbeiter im Außendienst ("Versicherungsagent") hingegen scheint weniger zu beziehen, zumal er Sachleistungen wie das Firmenauto, Firmenhandy, den Firmenlaptop etc. nicht als die Bestandteile seines Gehalts, die sie tatsächlich darstellen, anzuführen hat. Oder, wie es in der erwähnten WIFO-Studie Ausdruck findet: "Versicherungsmakler erhalten ausschließlich Vermittlungsprovisionen und müssen daraus ihre gesamten Aufwendungen für Sachleistungen, Löhne und Gehälter, Haftungsentgelte, Schulungen und die Kapitalkosten bestreiten. Im Fall einer Offenlegungspflicht der variablen Vergütung, d. h. der direkt mit der Vermittlung verbundenen Vergütung, werden Versicherungsmakler daher die höchsten Kosten ausweisen."

Zudem ist gut belegt, dass gerade zusätzliche Information jedweder Art, wie etwa die Vertriebskosten, dem Konsumenten das Verstehen ohnehin komplexer Produkte noch schwerer macht. Das wiederum läuft der Hauptintention der ersten IMD-Richtlinie, die Anforderungen zur einfachen und klaren Erklärung des Versicherungsproduktes gegenüber den Konsumenten festlegte und in Österreich 2005 in nationales Recht umgesetzt wurde, zuwider. "Versicherungsverträge enthalten ein Bündel an Merkmalen, die den direkten Produkt- und Preisvergleich erschweren. Menschen haben nur beschränkte Zeit und Fähigkeiten zur Informationsverarbeitung. In diesem Umfeld wird die zusätzliche Information über die Höhe der Vermittlungsprovision die Wahrscheinlichkeit einer Fehlentscheidung durch den Konsumenten sogar erhöhen", weiß Thomas Url, wissenschaftlicher Leiter der WIFO-Studie.

Fazit - und was offen bleibt
Nach IMD II wird, was die Offenlegungspflichten betrifft, für angestellte Außendienstmitarbeiter bzw. Versicherungsagenten und unabhängige Versicherungsmakler mit zweierlei Maß gemessen. Die zu erwartende Folge der bei unabhängigen Versicherungsmaklern nur scheinbar höheren Provision ist, dass der Konsument sich vermehrt dem klassischen, gebundenen Versicherungsvertreter zuwendet, wie die empirisch gut gestützte sozialpsychologische Prospect Theory sowie die jüngsten Ergebnisse der aktuellen WIFO-Studie nahelegen. Bei gleichwertigen Versicherungspolizzen wird jene mit der geringeren Provision für den Vermittler gewählt. Fragt sich, wie groß die Differenzen bei nicht gleichwertigen Versicherungspolizzen werden müssen, bevor der Konsument die Vertragsbedingungen wieder zur Hauptgrundlage seiner Entscheidungen macht und die für ihn besten Produkte wählt. (JR)

Rückfragen & Kontakt:

Fachverband der Versicherungsmakler und Berater in Versicherungsangelegenheiten
Tel. 05 90 900 4816
e-mail: ihrversicherungsmakler@wko.at
http://wko.at/ihrversicherungsmakler

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWK0001