Presserat: Bezeichnung eines mutmaßlichen Straftäters als "Sex-Monster" verletzt Ehrenkodex

Wien (OTS) - Der Senat 1 des Presserates beschäftigte sich in seiner letzten Sitzung mit mehreren Artikeln, in denen ein mutmaßlicher Vergewaltiger als "Sex-Monster" bezeichnet wurde. Konkret ging es um die Artikel "Sex-Monster auf Flucht geschnappt", erschienen am 31. Dezember 2012 auf "www.oe24.at", "Österreichs brutalstes Sex-Monster", erschienen in der Tageszeitung "Österreich" am 11. Jänner 2013, und um den Artikel "U-6-Sex-Monster nach Wien überstellt", erschienen in der "Kronen Zeitung" am 10. Jänner 2013.

Das Verfahren gegen die Webseite "www.oe24.at" wurde aufgrund einer Lesermitteilung eingeleitet, die anderen Fälle hat der Senat 1 eigenständig aufgegriffen.

Verletzung der Menschenwürde

Gemäß Punkt 5.1 des Ehrenkodex für die österreichische Presse hat jeder Mensch Anspruch auf Wahrung der Rechte und Würde seiner Person. Diesem Grundsatz ist bei den vorliegenden Artikeln nach Ansicht des Senats nicht Rechnung getragen worden.
Der Senat 1 vertritt die Auffassung, dass die Bezeichnung eines Menschen als "Sex-Monster" die vom Ehrenkodex der Österreichischen Presse - im Einklang mit der Europäischen Menschenrechtskonvention und der Europäischen Grundrechtecharta - geforderte Wahrung der Würde der menschlichen Person missachtet. Eine derartige Bezeichnung verstößt, unabhängig von der Schwere der dieser Person vorgeworfenen - im Übrigen noch nicht erwiesenen - Straftaten gegen die Würde jedes Menschen und dessen Recht auf Wahrung der Unschuldsvermutung (vgl. den vom Senat 1 entschiedenen Fall 2011/27). Die derb abwertende Bezeichnung eines Menschen als "Monster" ist überschießend und daher auch nicht durch die Meinungsfreiheit gedeckt (siehe auch die Entscheidung des Senats 2 im Fall 2012/S2-II).

Selbständige Verfahren aufgrund einer Mitteilung eines Lesers bzw. aus eigener Wahrnehmung

Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der beiden Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig.
In den vorliegenden Fällen hat der Senat 1 des Presserats aufgrund einer Lesermitteilung bzw. aus eigener Wahrnehmung Verfahren durchgeführt (selbständige Verfahren aufgrund einer Mitteilung eines Lesers bzw. aus eigener Wahrnehmung). In diesen Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob ein Artikel den Grundsätzen der Medienethik entspricht. Von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, haben die Medieninhaberinnen der Webseite "www.oe24.at", der Tageszeitung "Österreich" sowie der "Kronen Zeitung" nicht Gebrauch gemacht. Bisher haben sich die Medieninhaberinnen der genannten Medien der Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats nicht unterworfen.

Die Entscheidungen im Langtext finden Sie auf der Homepage des Presserates (www.presserat.at).

Rückfragen & Kontakt:

Dr. Tessa Prager, Sprecherin des Senats 1, Tel.: 01/21312-1169

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