• 10.04.2013, 19:07:33
  • /
  • OTS0249 OTW0249

"DER STANDARD"-Kommentar: "A steht nicht für Armutschkerl" von Gerald John

Trotz Vermögensstudie: Die Österreicher sind nicht ärmer dran als die Südländer - Ausgabe vom 11.4.2013

Utl.: Trotz Vermögensstudie: Die Österreicher sind nicht ärmer dran
als die Südländer - Ausgabe vom 11.4.2013 =

Wien (OTS) - Es ist eine der vielen Anekdoten, die von Bruno Kreisky
überliefert sind. "Hören Sie, junger Mann", soll der legendäre
Kanzler einen Wissenschafter, der ihm eine Vermögensstudie
präsentierte, angebrummt haben: "Da kenn ich persönlich ja mehr
Millionäre, als Sie hier ausweisen."
Das Bonmot des "Alten" kann man getrost bis heute gelten lassen. Auch
die brandneue Studie der Europäischen Zentralbank (EZB) unterschätzt
trotz beispiellosen Aufwands zweifellos all den Wohlstand, der sich
in der Oberschicht zusammenballt. Schließlich scheuen sich
Superreiche als Allererste, in derartigen Befragungen sämtliche
Karten aufzudecken.
Die Ergebnisse sind aber auch so markant genug. Im Euroraum besitzt
ein Fünftel der Haushalte zwei Drittel des Vermögens; die ärmere
Hälfte der Bevölkerung kommt gerade auf sechs Prozent. Dass solche
Schieflagen der Politik Kopfzerbrechen bereiten sollten, sprechen
neuerdings auch Kapazunder aus, die antikapitalistischer Agitation
ebenso unverdächtig sind wie die EZB. Exzessive Ungleichheit
zerfresse Wachstum und Gesellschaft, warnt etwa Christine Lagarde,
Chefin des Internationalen Währungsfonds.
Hierzulande geben die Zahlen der Forscher besonders viel zum
Nachdenken auf. Demnach ist Besitz nur noch in Deutschland ungleicher
verteilt, das Medianvermögen der Haushalte (die eine Hälfte hat mehr,
die andere weniger) liegt weit unter dem Eurodurchschnitt. Sind die
Österreicher also ärmer dran als zum Beispiel Spanier, Italiener oder
Griechen?
Das wäre ein Kurzschluss. Erstens verzerren verschiedene Faktoren die
Daten. In südlichen Ländern leben in einem Haushalt mehr Menschen -
mitsamt ihres Vermögens. Weil den Löwenanteil Immobilien ausmachen,
können sich - wie etwa in Spanien - überdies Preisblasen in den
Werten abbilden. Der spätere Absturz ist in der Momentaufnahme wohl
ebenso wenig zur Gänze eingepreist wie andere Krisenfolgen.
Zweitens spiegeln Studien über die Vermögensverteilung nicht wider,
wie gerecht oder ungerecht eine Gesellschaft im Gesamten ist. So
hängt das niedrige Medianeinkommen laut EZB auch mit dem großen
Angebot des sozialen Wohnbaus zusammen - nur in Österreich und
Deutschland besitzt weniger als die Hälfte der Haushalte die eigenen
vier Wände. Die Bürger haben offenbar also weniger privates, sondern
- etwa auch durch ein großzügiges Pensionssystem - mehr öffentliches
Vermögen in einem Sozialstaat angehäuft, der die Schieflage bei
Einkommen und Besitz beträchtlich ausgleicht. Schlechter als die
Südländer fahren Österreicher und Deutsche damit nicht. Am Beispiel
Wohnen: Eigentum bietet zwar größte Sicherheit und Unabhängigkeit,
sofern die Schulden getilgt sind. Gerade in Krisen aber sind soziale
Mietwohnungen ein Rückhalt, der vor Delogierungswellen wie in Spanien
schützt.
Was nicht wirklich mit dem Sozialstaat erklärbar ist: In Österreichs
Oberschicht, in der es an Immobilienbesitz natürlich nicht mangelt,
ist Reichtum besonders üppig gesät. Halten die top fünf Prozent im
Euroraum 37,5 Prozent des Vermögens, so sind es hierzulande über 45
Prozent. In diesen Sphären zählen die Österreicher im EZB-Vergleich
auch nicht mehr zu den Armutschkerln, sondern nennen im Gegenteil
überdurchschnittlich hohe Summen ihr Eigen. Eines bietet die Studie
deshalb nicht: Munition gegen eine mit Freibeträgen ausgestattete
Vermögenssteuer.

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PST

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel