- 27.02.2013, 21:01:13
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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 28. Februar 2013 von Mario Zenhäusern "Mittler zwischen den Welten"
Innsbruck (OTS) - Utl.: Der Rücktritt von Benedikt XVI. ermöglicht
eine Diskussion über das Papsttum. Das könnte seinem Nachfolger
helfen. Denn der steht vor der schier unlösbaren Aufgabe, die
Reformer zufriedenzustellen, ohne die Konservativen zu verärgern.
Papst Benedikt XVI. zieht sich heute vom Heiligen Stuhl zurück. Er
wird zwar auch in Zukunft den Titel "Seine Heiligkeit" tragen und
sich "emeritierter Papst" nennen, wie der Vatikan mitteilte, das
Sagen aber wird im Petersdom künftig ein anderer haben. Und dessen
Aufgabe wird keine leichte sein.
Die Wahl des neuen Papstes ist in jedem Fall eine
Richtungsentscheidung. Nach mehr als drei Jahrzehnten mit einem
polnischen bzw. bayerischen Papst pochen jetzt die im
Kardinalskollegium stark überrepräsentierten Italiener wieder auf ihr
Recht, den Pontifex maximus zu stellen. Ihnen gegenüber stehen im
Konklave die Purpurträger aus Afrika, Asien und Südamerika, die
ebenfalls eine wichtige Rolle spielen wollen. Und schließlich ist da
noch der Machtkampf zwischen dem konservativen Flügel innerhalb der
Kirche, der keine Veränderungen zulassen will, und den Reformern, die
für Neues offen sind.
Fakt ist, dass an Reformen kein Weg vorbeiführt, will die
römisch-katholische Kirche nicht weiter an Boden verlieren. Vor allem
in Europa. Die Rolle der Frau in der Kirche, die zumindest
verschrobene, mitunter sogar verlogene Sexualmoral, der Zölibat, der
Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen oder der Dialog mit
anderen Glaubensrichtungen, insbesondere Muslimen und Juden - alles
Stolpersteine, die es auf dem Weg zu einer wiedererstarkten
katholischen Kirche aus dem Weg zu räumen gilt.
Der neue Oberhirte im Vatikan wird sich nicht zuletzt auch mit
Österreich beschäftigen müssen. Die Erzdiözese Salzburg wartet schon
lange auf eine Entscheidung, was die Nachfolge von Alois Kothgasser
anbelangt. Auch in Feldkirch und Graz stehen Entscheidungen aus, in
Linz und St. Pölten sind spätesten 2015 Neuernennungen notwendig.
Der nächste Papst muss also ein Mittler sein zwischen den Welten. Er
sollte die Erneuerer unter dem Kreuz zufriedenstellen, ohne die
Bewahrer zu sehr zu brüskieren. Er sollte Brücken bauen, wo viele
seiner Vorgänger tiefe Gräben aufgerissen haben. Gesucht wird ein
katholischer Superman, der alles verändert und niemanden verärgert.
Eine schier unlösbare Aufgabe.
Papst Benedikt XVI. hat mit seinem Rücktritt einen mutigen Schritt
gesetzt. Er hat gezeigt, dass auch der Nachfolger Petri nur ein
Mensch ist, mit all seinen Stärken und Schwächen. Das könnte eine
völlig neue Diskussion ermöglichen. Über das Papsttum und über den
Vatikan. Das ist zumindest ein Fünkchen Hoffnung für den neuen
Oberhirten.
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