TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Dienstag, 12. Februar 2013, von Michael Sprenger: "Ein welthistorischer Rücktritt"

Innsbruck (OTS) - Radikale Veränderungen zu erreichen, war nicht sein Ziel. Papst Benedikt XVI. versuchte sich in Zeiten der Veränderung als Bewahrer. Jetzt zog er selbst den Schlussstrich unter sein Pontifikat. Dafür gebührt ihm großer Respekt.

Zu leichtfertig wird heutzutage der Begriff des historischen Ereignisses gebraucht. Doch wenn er tatsächlich berechtigt ist, dann zweifelsohne für den gestrigen Tag. Vielleicht ist historisch sogar ein zu schwaches Attribut, um zu beschreiben, was sich da am Montag im Vatikan vollzog? Es ist wohl ein welthistorisches Ereignis. Seit mehr als 700 Jahren, seit Coelestin V. im Jahre 1294, tritt erstmals ein Papst zurück. Die Entscheidung des 265. Nachfolgers Petri -aufgrund seines Alters und seiner Gesundheit - aus freien Stücken seinen Rücktritt zu erklären, traf daher die Weltkirche ebenso wie die säkularisierte Welt wie ein "Blitz aus heiterem Himmel", wie es Kardinal Angelo Sodano formulierte.
Fast acht Jahre führte Papst Benedikt XVI. die katholische Weltkirche. Kardinal Joseph Ratzinger übernahm die Nachfolge von Papst Johannes Paul II., dessen oberster und strenger Glaubenshüter er war. Der brillante Denker und intellektuelle Theologe aus Bayern sah es als seine zentrale Aufgabe als Papst an, den konservativen Kurs seines polnischen Vorgängers fortzuführen.
All jene, die sich an die Zeit des reformfreudigen Theologieprofessors zur Zeit des II. Vatikanischen Konzils erinnert haben, mussten bald einsehen, dass sich Papst Benedikt nicht einmal als Reformer versuchen wollte, sondern immerzu nur als Bewahrer. In Zeiten der rasanten Veränderungen sah er die Kirche als unverrückbaren Felsen. Er wollte die Einheit der Kirche bewahren. Er geißelte von Anfang an den Relativismus und sah in ihm eine zentrale Gefahr für die Menschheit. So blieben lange geforderte Reformen, von Zölibat, Sexualmoral bis hin zu der Art und Weise der hierarchischen Bischofsernennungen, aus. Zugleich traf während seines Pontifikats die Wucht der Missbrauchsfälle auf die Kirche ein. Der "einfache, kleine Arbeiter im Weinberg des Herrn" sah sich immer mehr in die Rolle des Verteidigers gedrängt. Er beklagte die "Sünde in der Kirche". Doch er konnte die Kirche nicht aus der Defensive führen. Zudem sorgte seine Rücknahme der Exkommunikation der erzkonservativen Bischöfe der Piusbruderschaft für massive Irritationen unter Christen und sein islamkritisches Zitat in seiner Regensburger Rede für Empörung unter Muslimen.
Papst Benedikt erkannte wohl bei sich, dass es in diesen Zeiten der Unübersichtlichkeit einen Papst braucht, der im Vollbesitz seiner Kräfte sein muss. Sein Rücktritt ist daher auch Ausdruck seiner Größe.

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