- 05.01.2013, 18:19:04
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Gérard Depardjow im französischen Steuerfieber
"Presse"-Leitartikel vom 6.1.2013, von Christian Ultsch
Utl.: "Presse"-Leitartikel vom 6.1.2013, von Christian Ultsch =
Wien (OTS) - Auf seiner verständlichen Flucht vor dem Steuerwahnwitz
in Frankreich hatte Gérard Depardieu offenbar einen Filmriss. Wer
Russland für eine "große Demokratie" hält, hat Wahrnehmungsstörungen.
? Leitartikel von Christian Ultsch
In Österreich hätte es zumindest eines Ministerratsbeschlusses
bedurft, also doch ein bisschen länger gedauert. In einem
Gutsherrensystem wie dem russischen jedoch kann auch aus einem Witz
schnell Wirklichkeit werden. Vor ein paar Tagen erst bot Wladimir
Putin in einem halb lustigen Moment einer Endlospressekonferenz
Gérard Depardieu die Staatsbürgerschaft an, und schon ist aus dem
französischen Nationalschauspieler auf der Flucht vor Francois
Hollandes Steuerexzess per Kreml-Dekret ein Russe geworden.
Überschwänglich und mit dem Feingefühl eines Hinkelsteins bezeichnete
der Obelix-Darsteller Russland darauf als "große Demokratie". Eine
ähnlich "lupenreine" Form der Dankbarkeit ist lediglich vom früheren
deutschen Bundeskanzler und späteren Gazprom-Mann Gerhard Schröder
überliefert, was wiederum zeigt, dass nicht bloß Künstler von völlig
verzerrter politischer Wahrnehmung befallen werden können.
Mit der verharmlosenden Glorifizierung der russischen Semiautokratie
hat Depardieu sich mindestens ebenso peinlich im Ton vergriffen wie
mit seinem Auftritt beim tschetschenischen Willkürsatrapen Ramsan
Kadyrow, dem er euphorisch zugerufen hat: "Ruhm sei Grosny, Ruhm sei
Tschetschenien, Ruhm sei Kadyrow!"
Das ändert jedoch nichts daran, dass der Filmstar gute Gründe hat,
seine Heimat zu verlassen. Depardieu fällt nämlich in die Kategorie
jener Bürger, die Frankreichs Präsident Hollande mit dem jenseitigen
Steuersatz von 75 Prozent schröpfen will. Der Verfassungsrat hat zwar
neulich Einspruch gegen den als Budgetsanierungsmaßnahme getarnten
Raubzug erhoben, die linke Regierung will aber trotzdem an ihrem
Wahnwitz festhalten. Ein derartiger ideologischer Starrsinn ist im
21. Jahrhundert außerhalb Kubas und Venezuelas nur noch selten
anzutreffen. Denn es war von vornherein klar, wohin die drastische
Erhöhung des Spitzensteuersatzes führen wird. Frankreich hat schon
einmal Erfahrungen mit derlei Zwangspopulismus gesammelt, in den
1980er-Jahren in Francois Mitterrands erster Amtszeit als Präsident.
Auch damals setzten sich die Reichen in Scharen ab.
Solche Vertreibungsprogramme erzeugen vielleicht die eine oder andere
neidbesetzte Glückssekunde beim kleinen Mann. Unter dem Strich aber
bringen sie dem Fiskus gar nichts. Frankreich wird sein strukturelles
Schulden- und Wachstumsproblem nicht lösen können, indem es Leistung
bestraft und an der Steuerschraube dreht.
Leider lenkt Depardieu mit seiner Anbiederung an Putin vom Kern der
Debatte ab. Und Hollandes sonst eher ideenarme Truppe nimmt das
Angebot dankend an, um stattdessen über angeblich mangelnden
Patriotismus der Steuerflüchtlinge zu diskutieren, wobei auch da
schnell die Frage auftauchen muss, wer liebesähnliche Gefühle zu
einem Staat aufbringen könnte, der einem drei Viertel seines Geldes
aus der Tasche zieht.
Für Putin wiederum kommt die Depardieu-Groteske einer
Werbeeinschaltung gleich. Jetzt weiß die ganze Welt, dass der
Einheitssteuersatz in Russland bei 13 Prozent liegt - und die
Oligarchen ihr Geld aus anderen Gründen ins Ausland transferieren.
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