• 03.01.2013, 17:35:23
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"Die Presse"-Leitartikel: Warum eine erfolgreiche Trennung kein Vorbild ist, von Michael Laczynski

Ausgabe vom 4.1.2013

Utl.: Ausgabe vom 4.1.2013 =

Wien (OTS) - Wer das Ende der Tschechoslowakei als Blaupause für eine
mögliche Aufspaltung der EU sehen möchte, irrt. Ein "Grexit" wäre
viel traumatischer.

Über die Trennung von Tschechien und der Slowakei zu schreiben ist
kniffliger, als es zunächst den Anschein haben könnte. Schwierig ist
dieses Unterfangen, weil die heutige Conclusio dermaßen naheliegend
ist, dass sie wie selbstverständlich daherkommt: Die am 1. Jänner
1993 vollzogene einvernehmliche Scheidung war - und daran lässt sich
auch beim besten Willen nicht rütteln - ein Erfolg.
Die aus einer gut sieben Jahrzehnte währenden Zweckgemeinschaft
befreiten Völker sind nicht bei der ersten sich bietenden Gelegenheit
übereinander hergefallen, wie man es nur wenig später auf dem
Westbalkan besichtigen konnte. Nachbarschaftspolitik mit dem Hackbeil
hat es im Laufe der vergangenen 20 Jahre ebenso wenig wie
nationalistisch befeuerte Rivalitäten gegeben. Tschechen wie Slowaken
fanden ihren eigenen Weg zur wirtschaftlichen Prosperität. Die
Erstgenannten knüpften an die Glanzleistungen der böhmischen
Ingenieure an und positionierten sich als verlängerte Werkbank für
Volkswagen und Co., während die Slowakei (nach einer unerfreulichen
autokratischen Episode unter Vladimir Me█iar) als
investitionsfreundliches Flat-Tax-Land punkten konnte.
Heute sind die Beziehungen harmonischer denn je. Die tschechischen
und slowakischen Regierungen treffen sich zu Kabinettssitzungen, man
macht sich Gedanken über eine grenzüberschreitende Energieversorgung
und eine Fusion der Bahngesellschaften - selbst eine gemeinsame
tschechisch-slowakische Fußballliga ist im Gespräch.
Dabei war der Tenor der westlichen Meinungsmacher Anfang der
1990er-Jahre ganz anders: "Politisch und wirtschaftlich erscheinen
die neuen Staatsgebilde verwundbar [. . .] aus ökonomischer Sicht ist
die Aufteilung von Großstaaten in einzelne unabhängige Republiken von
Nachteil", warnte die französische Nachrichtenagentur AFP in einer am
Vorabend der tschechisch-slowakischen Trennung veröffentlichten
Analyse. Das Ende der Tschechoslowakei würde zu Instabilität und
Nationalitätenkonflikten führen - und vielleicht gar zu einem
regionalen Kleinkrieg, mahnten die Kassandras im "Westen".
Heute verhält es sich genau umgekehrt. Die Abwicklung der █SSR wird
in den Himmel gelobt und zur Blaupause für mögliche künftige
innereuropäische Aufspaltungen deklariert. Denn wenn es die Tschechen
und Slowaken geschafft haben, zivilisiert getrennte Wege zu gehen,
dann werden es Griechenland und die EU wohl auch schaffen, so die
unausgesprochene Annahme.

Äußerliche Ähnlichkeiten können allerdings trügen - was nun aber
nicht heißen soll, ein sogenannter Grexit wäre nicht durchführbar.
Ein Ausstieg Griechenlands aus der Union ist durchaus machbar, und
über seine Sinnhaftigkeit lässt sich trefflich streiten. Eines muss
aber klar sein: Er wäre traumatischer als das Ende der
Tschechoslowakei, und zwar aus drei Gründen.
Erstens aufgrund der Zeit. Anfang der 1990er herrschte in
Zentraleuropa Aufbruchsstimmung, die aus dem sowjetischen
Völkerkerker befreiten Nationen wollten ihr Schicksal in die eigenen
Hände nehmen. Anders die Griechen, die Brüssel mehrheitlich nicht als
verhassten "Großen Bruder" sehen und der EU aus freien Stücken
beigetreten sind.
Zweitens aufgrund der Ausgangslage. Für die Tschechen und Slowaken
konnte es 1993 nach der Implosion der sozialistischen Planwirtschaft
materiell nur aufwärtsgehen. Für Griechenland bedeutet der Austritt
aus der EU zunächst einmal noch mehr Elend.
Und drittens aufgrund der Perspektiven. Zum Zeitpunkt ihrer Trennung
waren Tschechien und die Slowakei auf Kurs Richtung Nato und EU, die
Beitrittsperspektiven waren intakt, die Reformarbeit war vorgegeben.
Der Abschied von Griechenland hingegen wäre nichts anderes als eine
Vertreibung aus diesem multilateralen europäischen Paradies.
Der Blick nach Prag und Bratislava greift also zu kurz. Die EU wird
einen eigenen Weg finden müssen, um ihre dysfunktionalen
Beziehungsmuster zu reparieren. Dass es für Beziehungsprobleme kein
Allheilmittel gibt, ist allerdings keine neue Erkenntnis. Wie heißt
es doch so schön bei Leo Tolstoi? "Jede unglückliche Familie ist auf
ihre eigene Weise unglücklich."

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