"Die Presse"-Leitartikel: Der Prophet Mohammed und unsere Lust aufs Appeasement, von Franz Schellhorn

Ausgabe vom 3.1.2013

Wien (OTS) - Ein französisches Magazin sorgt mit Mohammed-Karikaturen für einen Skandal. Skandalöser ist nur noch der Umgang Europas mit dieser Art der Provokation.
Man muss kein professioneller Wahrsager sein, um zu wissen, dass die Sache in etwa so ablaufen wird: Eine Publikation aus einem westlichen Land thematisiert das Leben des Propheten Mohammed, was wenige Tage später tausende Menschen in der "islamischen Welt" auf die Straßen treiben wird, um ihrem aufgestauten Zorn freien Lauf zu lassen. Beginnen die wütenden Massen dann damit, die eine oder andere westliche Botschaft zu belagern und die dazupassende Landesfahne abzufackeln, werden die ersten westlichen Politiker nervös. Das umso mehr, wenn das Medium in einem europäischen Land beheimatet ist. Üblicherweise ist es dann nur noch eine Frage von wenigen Stunden, bis die ersten politischen Würdenträger vor die Fernsehkameras treten, um sich bei allen Muslimen für die ungeheuerliche Entgleisung zu entschuldigen. In diesem Fall wird sich das offizielle Europa für das französische Satiremagazin "Hebdo Charlie" schämen, das es nicht lassen konnte, das "bunte Leben" des Propheten Mohammed zeichnerisch durch den Kakao zu ziehen.
Wie immer wird sich auch dieses Mal kein europäischer Spitzenpolitiker auftreiben lassen, der auf das in erwachsenen Demokratien gesicherte Recht der freien Meinungsäußerung verweisen wird. Und wie immer werden sich die großen Intellektuellen dieses Kontinents in ihre heimeligen Löcher verkriechen, statt die Freiheit der Kunst mit aller gebotenen Verve zu verteidigen, so wie sie das bei jeder Jesus-Schmähung richtigerweise ja auch tun. Im besten Fall werden die Karikaturen vom sicheren Hochstand der künstlerischen Ästhetik aus begutachtet und dort für schlecht empfunden.
Doch um künstlerische Ästhetik geht es nicht. Sondern darum, dass in westlichen Rechtsstaaten nicht die Beleidigten darüber befinden sollten, wo die Meinungsfreiheit zu enden hat. Ob das Recht auf freie Meinungsäußerung vergewaltigt wurde, ist eine Frage, für deren Beantwortung es in unseren Breitengraden einen exklusiven Ort gibt:
den Gerichtssaal. Dort - und nur dort - ist zu klären, ob radikale Kräfte die herrschende Rechtslage überdehnen, um gläubige Menschen aus reiner Boshaftigkeit zu verletzen und aufzubringen. Oder ob es nicht eher so ist, dass alles andere als die Bekundung bedingungsloser Ehrfurcht vor dem uneingeschränkt positiven Wirken Mohammeds als eine nicht hinzunehmende Beleidigung gläubiger Muslime ausgelegt wird.
Ungeachtet dessen werden sich auch jetzt wieder viele Menschen verletzt fühlen. Nicht nur Muslime, auch zahlreiche Christen werden die Darstellungen als geschmacklose Respektlosigkeit gegenüber Andersgläubigen ablehnen. Zu Recht. Umso mehr sollten jene, die das so sehen, dafür eintreten, dass derartige Geschmacklosigkeiten gezeigt werden dürfen. Das Recht auf freie Meinungsäußerung und künstlerische Freiheit zu verteidigen, wenn die gezeigte Arbeit ohnehin für toll gehalten wird, ist schließlich keine allzu schwierige Übung.

Aber ist es wirklich der schwindende Respekt vor religiösen Gefühlen, der uns so große Sorgen bereitet? Nein, es ist vor allem die wachsende Angst, in das Visier islamistischer Randalierer zu geraten, die unsere Sensorik für die religiösen Gefühle Andersgläubiger schärft. Nur so ist auch zu erklären, dass europäische Medien auffallend viel Verständnis für das brutale Vorgehen religiöser Gewalttäter zeigen. Als im September 2012 nach Veröffentlichung eines islamfeindlichen Films drei US-Diplomaten in Libyen getötet wurden, erklärte die "Süddeutsche Zeitung" die Suche nach den Tätern für überflüssig. "Es ist müßig, hier nach Tätern und Opfern zu unterscheiden. Diesmal ging die Provokation von amerikanischen Extremisten aus, islamische Fanatiker haben sie angenommen und nicht minder radikal zurückgezahlt", wie in einem Kommentar zu lesen war. Eine Sicht der Dinge, die keineswegs als isoliert zu klassifizieren wäre. Mit zweckdienlichem Appeasement werden sich hart erkämpfte liberale Grundwerte aber nur schwer retten lassen. Was zumindest jene radikalen Einpeitscher begriffen haben, die in islamischen Ländern die Massen mit Halbwahrheiten gegen die westlichen Unholde aufbringen und auf die Straße treiben.

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