• 02.01.2013, 18:46:23
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"Die Presse"-Leitartikel: Der Prophet Mohammed und unsere Lust aufs Appeasement, von Franz Schellhorn

Ausgabe vom 3.1.2013

Utl.: Ausgabe vom 3.1.2013 =

Wien (OTS) - Ein französisches Magazin sorgt mit Mohammed-Karikaturen
für einen Skandal. Skandalöser ist nur noch der Umgang Europas mit
dieser Art der Provokation.
Man muss kein professioneller Wahrsager sein, um zu wissen, dass die
Sache in etwa so ablaufen wird: Eine Publikation aus einem westlichen
Land thematisiert das Leben des Propheten Mohammed, was wenige Tage
später tausende Menschen in der "islamischen Welt" auf die Straßen
treiben wird, um ihrem aufgestauten Zorn freien Lauf zu lassen.
Beginnen die wütenden Massen dann damit, die eine oder andere
westliche Botschaft zu belagern und die dazupassende Landesfahne
abzufackeln, werden die ersten westlichen Politiker nervös. Das umso
mehr, wenn das Medium in einem europäischen Land beheimatet ist.
Üblicherweise ist es dann nur noch eine Frage von wenigen Stunden,
bis die ersten politischen Würdenträger vor die Fernsehkameras
treten, um sich bei allen Muslimen für die ungeheuerliche Entgleisung
zu entschuldigen. In diesem Fall wird sich das offizielle Europa für
das französische Satiremagazin "Hebdo Charlie" schämen, das es nicht
lassen konnte, das "bunte Leben" des Propheten Mohammed zeichnerisch
durch den Kakao zu ziehen.
Wie immer wird sich auch dieses Mal kein europäischer
Spitzenpolitiker auftreiben lassen, der auf das in erwachsenen
Demokratien gesicherte Recht der freien Meinungsäußerung verweisen
wird. Und wie immer werden sich die großen Intellektuellen dieses
Kontinents in ihre heimeligen Löcher verkriechen, statt die Freiheit
der Kunst mit aller gebotenen Verve zu verteidigen, so wie sie das
bei jeder Jesus-Schmähung richtigerweise ja auch tun. Im besten Fall
werden die Karikaturen vom sicheren Hochstand der künstlerischen
Ästhetik aus begutachtet und dort für schlecht empfunden.
Doch um künstlerische Ästhetik geht es nicht. Sondern darum, dass in
westlichen Rechtsstaaten nicht die Beleidigten darüber befinden
sollten, wo die Meinungsfreiheit zu enden hat. Ob das Recht auf freie
Meinungsäußerung vergewaltigt wurde, ist eine Frage, für deren
Beantwortung es in unseren Breitengraden einen exklusiven Ort gibt:
den Gerichtssaal. Dort - und nur dort - ist zu klären, ob radikale
Kräfte die herrschende Rechtslage überdehnen, um gläubige Menschen
aus reiner Boshaftigkeit zu verletzen und aufzubringen. Oder ob es
nicht eher so ist, dass alles andere als die Bekundung
bedingungsloser Ehrfurcht vor dem uneingeschränkt positiven Wirken
Mohammeds als eine nicht hinzunehmende Beleidigung gläubiger Muslime
ausgelegt wird.
Ungeachtet dessen werden sich auch jetzt wieder viele Menschen
verletzt fühlen. Nicht nur Muslime, auch zahlreiche Christen werden
die Darstellungen als geschmacklose Respektlosigkeit gegenüber
Andersgläubigen ablehnen. Zu Recht. Umso mehr sollten jene, die das
so sehen, dafür eintreten, dass derartige Geschmacklosigkeiten
gezeigt werden dürfen. Das Recht auf freie Meinungsäußerung und
künstlerische Freiheit zu verteidigen, wenn die gezeigte Arbeit
ohnehin für toll gehalten wird, ist schließlich keine allzu
schwierige Übung.

Aber ist es wirklich der schwindende Respekt vor religiösen Gefühlen,
der uns so große Sorgen bereitet? Nein, es ist vor allem die
wachsende Angst, in das Visier islamistischer Randalierer zu geraten,
die unsere Sensorik für die religiösen Gefühle Andersgläubiger
schärft. Nur so ist auch zu erklären, dass europäische Medien
auffallend viel Verständnis für das brutale Vorgehen religiöser
Gewalttäter zeigen. Als im September 2012 nach Veröffentlichung eines
islamfeindlichen Films drei US-Diplomaten in Libyen getötet wurden,
erklärte die "Süddeutsche Zeitung" die Suche nach den Tätern für
überflüssig. "Es ist müßig, hier nach Tätern und Opfern zu
unterscheiden. Diesmal ging die Provokation von amerikanischen
Extremisten aus, islamische Fanatiker haben sie angenommen und nicht
minder radikal zurückgezahlt", wie in einem Kommentar zu lesen war.
Eine Sicht der Dinge, die keineswegs als isoliert zu klassifizieren
wäre. Mit zweckdienlichem Appeasement werden sich hart erkämpfte
liberale Grundwerte aber nur schwer retten lassen. Was zumindest jene
radikalen Einpeitscher begriffen haben, die in islamischen Ländern
die Massen mit Halbwahrheiten gegen die westlichen Unholde aufbringen
und auf die Straße treiben.

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