- 14.12.2012, 18:35:47
- /
- OTS0271 OTW0271
"Die Presse"-Leitartikel: Alle Jahre wieder kommt die Bildungsstudie auf uns nieder, von Florian Asamer
Ausgabe vom 15. Dezember 2012
Utl.: Ausgabe vom 15. Dezember 2012 =
Wien (OTS) - Seit PISA im Jahr 2000 ist klar, was im Bildungssystem
dringend zu geschehen hätte. Doch nicht nur im Advent verwarten wir
lieber die Zukunft unserer Kinder.
Auf diese Prognose kann man getrost sein ganzes Vermögen verwetten,
auch wenn man nicht das in Landesregierungen weitverbreitete
Risikogen in sich trägt: Die alarmierenden Ergebnisse der diese Woche
publizierten Bildungsstudie werden nach Weihnachten völlig aus dem
politischen Bewusstsein verschwunden sein. Mit Beginn des neuen
(Superwahl-)Jahres wird sich die politisch interessierte
Öffentlichkeit zunächst einer Nonsensvolksbefragung zum Thema
Wehrpflicht zuwenden, um sich danach über diverse Landtagswahlen zur
Nationalratswahl im Herbst zu hangeln.
Irgendwann vor Weihnachten kommenden Jahres wird dann eine neue
Regierung stehen, die vom Ergebnis der dann neuesten Bildungsstudie
überrascht sein wird, das auch dann immer noch lautet: Unser
Bildungssystem ist für die Ergebnisse viel zu teuer; ein erschreckend
hoher Anteil der jungen Menschen kann nach absolvierter Schulpflicht
kaum schreiben und lesen; die Integration von Migranten gelingt so
schlecht, dass deswegen in Ballungsräumen Ausbildung und damit
Zukunft ganzer Schulklassen gefährdet sind; obwohl der Zugang zu
unserem Bildungssystem allen offensteht, ist sozialer Aufstieg durch
Bildung nicht nachzuweisen.
Bis wir aber irgendwann 2014 wieder dort stehen, wo wir schon heute
stehen (und seit der ersten PISA-Studie aus dem Jahr 2000 immer
gestanden sind), wird wieder viel Zeit ins Land gegangen sein. Jahre,
in denen die Zukunft von jungen Menschen verspielt worden sein wird.
Klingt pathetisch. Soll es auch.
Die Lösungen für dieses Dilemma liegen längst auf dem Tisch (siehe
die vom "Presse"-Bildungsressort gestaltete Themenstrecke auf den
Seiten 1 bis 3). Für die in den österreichischen
Bildungsschützengräben Verschanzten hieße das freilich, sich mit
weißer Fahne in der Mitte zu treffen: So wäre für die Vier- bis
Zwölfjährigen ein gesamt- und auch ganztagsschulischer Ansatz (mit
mehr Augenmerk auf den Kindergarten) wohl die einzige Lösung, um ein,
was Aufstiegschancen betrifft, hermetisches System aufzubrechen.
Danach aber müssen Differenzierung, Wahlfreiheit, Konkurrenz zwischen
verschiedensten privaten und öffentlichen Bildungsangeboten zur
Normalität werden. Um Spitzenleistungen zu ermöglichen und das
Eingehen auf individuelle Bedürfnisse und Fähigkeiten nicht nur am
unteren Ende des Leistungsspektrums für einen wichtigen Wert zu
halten.
Abseits dieser Problematik, die die Bildungspolitik-Politik schon
seit Jahren umtreibt, stellt sich eine Reihe von auf den ersten Blick
eher informellen Fragen, die aber Eltern, Schüler und Lehrer in ihrem
Alltag sehr unmittelbar betreffen. Warum - um irgendwo anzufangen -
führen wir eine skurrile Debatte über eine tägliche Turnstunde,
stellen aber nicht infrage, dass es noch zeitgemäß ist, sechsjährige
Schuleinsteiger von einem Tag auf den anderen auf Stillsitzen in
einer Schulbank und Frontalunterricht umzustellen? Um diejenigen, die
das nicht schaffen, mit der Zappelphilipp-Diagnose ADHS zu versehen.
Diejenigen, die es geschafft haben, müssen ab vierzig wegen
Rückenschmerzen ins Kieser-Training.
Oder um bei Diagnosen im Schulzusammenhang zu bleiben: Verschiedene
Teilleistungsstörungen, die sich häufig im Laufe der Adoleszenz
auswachsen, werden als K.-o.-Kriterien (wobei z. B.
legastheniebedingtes Buchstaben- und Zahlenvertauschen recht wenig
mit Intelligenz zu tun hat) bei der Schülerauswahl herangezogen. Bei
der Diskussion gute Schule/schlechte Schule wird übersehen, dass
gerade in der Volksschule, in der eine Lehrerin vier Jahr fast
ausschließlich unterrichtet, alles von dieser einen Lehrkraft
abhängt. Klug? Und im Gymnasium, das für bildungsnahe Schichten
immerhin noch gut zu funktionieren scheint, hat man vor lauter
Bewahren darauf vergessen, dass Allgemeinbildung bei explodierendem
Wissensstoff immer mehr heißt, über zuverlässige Kulturtechniken zu
verfügen, die das Auffinden, die Auswahl und die Gewichtung
ermöglichen. Danach sucht man in den Lehrplänen vergeblich. So
gesehen ist es fast ein Glück, dass die "Bildungdebatte" in zwei
Wochen wieder vorbei sein wird.
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PPR






