- 12.12.2012, 18:26:40
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"Die Presse" - Leitartikel: Der gute Onkel Xi und die Rasselbande von Pjöngjang, von Michael Laczynski
Ausgabe vom 13.12.2012
Utl.: Ausgabe vom 13.12.2012 =
Wien (OTS) - Für die Erziehungsberechtigten in Peking sind die
Eskapaden ihrer nordkoreanischen Mündel nicht nur peinlich - sie
gefährden auch die Sicherheitslage in Asien.
Was geht wohl in den Köpfen der kommunistischen Würdenträger Chinas
vor, wenn sie ihren Freunden in Nordkorea einen Besuch abstatten? Ist
es Mitleid angesichts der materiellen Not in dem rückschrittlichen,
brutal heruntergewirtschafteten Land? Nostalgie angesichts der
Tatsache, dass - anders als in China - die indoktrinierten
proletarischen Massen den paläostalinistischen Parolen ihrer Herren
und Gebieter immer noch Glauben schenken? Oder Zufriedenheit mit dem
Umstand, dass Nordkorea ein treuer Vasall der Volksrepublik ist, der
seit Jahrzehnten mit Erfolg Ressourcen der ideologischen Feinde USA,
Japan und Südkorea bindet?
Letzteres wohl immer weniger, denn seit einiger Zeit ist die
Umlaufbahn des nordkoreanischen Satelliten nicht mehr klar
vorhersehbar, sondern zusehends erratisch. Womit wir bei dem jüngsten
Streich der Rasselbande von Pjöngjang angelangt wären: dem
erfolgreichen Abschuss einer Trägerrakete, die gestern einen
künstlichen Raumkörper in die Erdumlaufbahn befördert hat, sofern die
Jubelmeldungen der nordkoreanischen Propagandisten zutreffen. Dem
Nachwuchsdiktator Kim Jong-un ist das seltene Kunststück gelungen, so
gut wie alle Beobachter zu foppen. Denn noch zu Wochenbeginn hat es
geheißen, die startbereite Rakete müsse aus technischen Gründen
wieder demontiert werden. Ob Kims chinesische Verbündete von dem
Täuschungsmanöver informiert waren, ist nicht klar - am Sonntag hat
sich ein Sprecher des Außenamts in Peking "tief besorgt" über einen
möglichen Raketenstart gezeigt.
Man kann getrost davon ausgehen, dass den Erziehungsberechtigten in
Peking die Eskapaden ihrer Mündel ein wenig peinlich sind. Vermutlich
bleibt dem frisch gebackenen KP-Parteichef Xi Jinping nichts anderes
übrig, als in die Rolle des strengen, aber gutherzigen Onkels zu
schlüpfen, seinem Schützling Kim einen leichten Klaps zu verpassen
und ihn zu ermahnen, in Zukunft doch wieder etwas braver zu sein und
die Gebote der internationalen Staatengemeinschaft zu beachten.
Ausrichten wird diese Simulation einer Kopfwäsche gar nichts, denn
die nordkoreanischen Strolche haben die wohldosierte Provokation zur
Staatskunst erhoben. Erpressung ist die einzige Daseinsberechtigung
des Arbeiter- und Bauernstaats. Und die Mittel zum Zweck sind
abwechselnd Atombomben und ballistische Raketen.
Doch abseits aller emotionalen Befindlichkeiten stehen die
chinesischen Strategen vor einem gänzlich anderen Problem: Sie können
Nordkorea nicht glaubhaft mit Liebesentzug drohen, denn ohne die
Unterstützung Chinas würde das Land implodieren. Was dann käme, liegt
auf der Hand: Chaos, dann die Wiedervereinigung der Halbinsel unter
der Ägide des US-Verbündeten Südkorea - und in Folge US-Panzer an der
koreanisch-chinesischen Grenze.
Also doch lieber weitermachen wie bisher. Das Dumme ist nur, dass
auch diese Option die Sicherheitslage in der Region gefährdet. Und
zwar, weil Japan schön langsam die Geduld mit Nordkorea (und auch mit
China) verliert. Dass der Raketenstart just wenige Tage vor der
japanischen Parlamentswahl erfolgt, ist kein Zufall, sondern pure
Absicht. Nicht nur in Tokio werden die Rufe nach einer Umschreibung
der pazifistischen japanischen Verfassung laut - vor wenigen Tagen
sorgte der Außenminister der Philippinen mit seiner Aufforderung,
Japan soll aufrüsten, um China die Stirn bieten zu können, für
Konsternation in Peking. Ein selbstbewusstes, womöglich nuklear
bewaffnetes Japan ist so ziemlich das Letzte, was sich die
Volksrepublik wünscht.
Sollte es eines Tages so weit kommen, dann hätte sich das die
chinesische Führung selbst zuzuschreiben. Sie hat mit Nordkorea einen
Quälgeist herangezüchtet, den sie nicht mehr loswerden kann.
Vermutlich ist also weder Mitleid noch Zufriedenheit jenes Gefühl,
das chinesische KP-Funktionäre in Nordkorea am häufigsten überkommt,
sondern die Hoffnung, dass alles so bleiben möge, wie es jetzt ist -
ein kommunistisches Freiluftmuseum, das für Kopfschütteln sorgt, aber
keinen asiatischen Rüstungswettlauf provoziert. Doch in Nordkorea ist
die Zeit nicht auf Chinas Seite.
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