- 11.12.2012, 18:10:41
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"Die Presse"-Leitartikel: Österreich kann sich keine Ghetto-Schulen leisten, von Christoph Schwarz
Ausgabe vom 12. Dezember 2012
Utl.: Ausgabe vom 12. Dezember 2012 =
Wien (OTS) - Das heimische Bildungswesen produziert eine Generation
von Verlierern. Denn das System passt schon lange nicht mehr zu
seiner Klientel.
Entweder sind oberösterreichische Kinder schlicht klüger als Wiener
Kinder, alle zusammen aber immer noch dümmer als die Mehrzahl ihrer
Altersgenossen aus anderen Staaten - oder unser Bildungssystem hat
ein gravierendes Problem. Es sind im Kern diese beiden Deutungen, die
die Bildungsstudien nahelegen, die am gestrigen Dienstag en masse
publiziert wurden. Wie sonst lässt sich erklären, dass ganze 43
Prozent aller 14-Jährigen die Mindeststandards (!), die sich aus den
Lehrplänen ableiten, in Mathematik nicht oder nur "teilweise"
erfüllen? Dass also fast die Hälfte teils simple Rechenbeispiele
nicht bewältigt?
In der Annahme, dass es nicht per se am Intellekt der Österreicher
scheitert, sollten wir einen genaueren Blick auf das Schulsystem
werfen. Dieses scheint bei den Gymnasien immer noch ganz passable
Leistungen zu produzieren, in allen anderen Schulformen nicht. Es
scheint in ländlichen Gegenden besser zu funktionieren als im urbanen
Bereich. Und es scheint auf manche Bevölkerungsgruppen deutlich
besser ausgerichtet zu sein als auf andere. Es gibt nun zwei
Varianten, mit diesen Erkenntnissen, die sich auch mit politischer
Rhetorik nicht werden wegdeuten lassen, umzugehen.
Variante eins ist naheliegend - und bequem: Freuen wir uns doch
einfach, dass die AHS noch halbwegs gut funktioniert - zumindest,
wenn man von vernachlässigbaren urbanen Randgebieten wie Wien
absieht. Im Gegenzug finden wir uns damit ab, dass sich alle anderen
Schulformen im städtischen Bereich dem Sonderschulniveau annähern. Es
ist die Variante, die ÖVP-Bildungssprecher Werner Amon gewählt hat,
als er gestern den Erhalt der "hervorragenden" AHS-Unterstufen als
ÖVP-Erfolg zu verkaufen versuchte. Die Freude sei ihm unbenommen.
Gesamtgesellschaftlich ist all das dennoch Unsinn. Österreich kann es
sich nicht leisten, mithilfe ein paar funktionierender Gymnasien ein
Niveau vorzugaukeln, über das wir nicht verfügen.
Diese Sichtweise hat wenig mit Sozialromantik zu tun. Es ist
volkswirtschaftlich nicht vertretbar, all jene, die nicht den Weg in
die AHS finden, als bildungspolitischen Ausschuss zu behandeln. Wir
produzieren eine Generation nicht beschäftigungsfähiger, nicht
integrierter Verlierer, die zu guter Letzt den Steuerzahlern auf der
Tasche liegen. Von den verbauten Lebenschancen ganz zu schweigen. Der
Einwand, dass es primär in der Eigenverantwortung der Eltern - nicht
der Schule - zu liegen habe, Kindern den Weg in die Zukunft zu
weisen, ist übrigens richtig. Er nützt vernachlässigten Zehnjährigen
nur leider nichts.
Bleibt die unbequemere Variante zwei: Wir müssen versuchen, Kinder so
lange wie möglich vor der Ghettoisierung zu bewahren und ihnen die
Chance auf Bildungsaufstieg offenzuhalten. Die Leistungen muss der
Einzelne dann freilich selbst erbringen. Dass dieses Konzept nicht
ganz falsch ist, zeigt der ländliche Raum, in dem auch die "klugen"
Kinder heute noch die Hauptschule besuchen, während dies in den
Städten fast nur Migranten und Bildungsferne tun. Am Land ist die
Hauptschule damit jene Gesamtschule, die bei vielen Eltern andernorts
Panik auslöst. Die vergleichsweise guten Leistungen dieser Schule
sprechen aber für sich.
Dass Eltern im urbanen Bereich ihre Kinder ungern als
Versuchskaninchen für eine von Migranten überlaufene Gesamtschule
missbraucht sehen wollen, ist legitim. Solange Integration in
Österreich kaum funktioniert, sollten wir uns von dieser Idee also
verabschieden. Die Lösung kann inzwischen in einer Verlängerung der
Volksschulzeit, etwa auf sechs Jahre, liegen. Dort driftet die
Leistung von guten und schlechten Schülern laut Studien nicht so
stark auseinander. Das ist vor allem, wenn es um das Erlernen von
Grundkompetenzen geht, wichtig.
Dass Österreich im internationalen Vergleich auch bei den
Volksschulen nur mäßig gut abschneidet, ist ein Wermutstropfen. Und
muss als Auftrag gesehen werden: Wir müssen noch mehr Wert auf die
frühe Bildung - beginnend mit dem Kindergarten - legen. Hier muss in
die Kompetenzen der Lehrerinnen - es sind vor allem Frauen -
investiert werden, hier muss die Integration passieren.
Wem das nicht gelingt, der braucht sich später nicht über verpatzte
Mathematiktests zu wundern.
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