- 07.12.2012, 18:31:11
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"Die Presse am Sonntag" - Leitartikel: Die Friedensnobel-Farce, von Christian Ultsch
Ausgabe vom 08./09.12.2012
Utl.: Ausgabe vom 08./09.12.2012 =
Wien (OTS) - Die friedliche Einigung Europas ist eine große
historische Leistung. Die jetzige müde EU-Truppe dafür auszuzeichnen
grenzt jedoch ans Groteske. Aber bitte, Aufmunterung können wir alle
gut gebrauchen.
Thorbjorn Jagland und die vier anderen Nobel-Norweger haben es gut
gemeint: Der Friedensnobelpreis, den am Montag in Oslo eine etwas
groß geratene Abordnung in Empfang nehmen wird, soll die ermattete
Europäische Union ermutigen. Das Nobelkomitee wünscht nämlich, wie es
in seiner Begründung heißt, in Zeiten der Krise den Blick auf die
wichtigste Errungenschaft der EU zu lenken, den "erfolgreichen Kampf
für Frieden und Versöhnung". Das ist sehr freundlich, und daran gibt
es grundsätzlich auch nicht viel auszusetzen: Die Einigung eines
Kontinents, der jahrhundertelang von Kriegen geplagt war, ist
tatsächlich eine große historische und unbedingt erhaltenswerte
Leistung.
Und doch mutet es seltsam an, dass die feierliche Anerkennung dafür
jetzt, also ziemlich spät, erfolgt. Den Preis hätten zweifellos Jean
Monnet oder Robert Schuman verdient, die den genialen Plan
verfolgten, ihr französisches Vaterland mit dem deutschen Erzfeind in
einer Gemeinschaft für Kohle und Stahl zusammenzubinden, um so Kriege
unmöglich zu machen. Auch Kanzler Konrad Adenauer wäre ein Kandidat
gewesen, weil er auf deutscher Seite in den 1950er-Jahren die
Aussöhnung vorantrieb. Oder einer seiner Nachfolger, Helmut Kohl,
weil er nach dem Fall der Mauer die Chance auf die Wiedervereinigung
Deutschland energisch und umsichtig beim Schopf packte.
Umso zwergenhafter wirkt die Truppe, die zum großen
Verleihungsballett in Oslo antanzt. Wenigstens haben sich die
Mitwirkenden der Aufführung vorher auf eine Choreografie verständigt:
Martin Schulz, der Präsident des Europaparlaments, darf sich stolz,
aber schweigend die goldene Medaille des Friedensnobelpreises um den
Hals hängen lassen. Die Festredezeit wiederum teilen sich Herman Van
Rompuy, der Präsident des Europäischen Rates, und
EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso brüderlich. Sie werden
auch gemeinsam die Urkunde entgegennehmen. Da soll noch jemand sagen,
die EU sei nicht fähig, komplexe (selbst geschaffene) Probleme zu
lösen. Um der Zeremonie die gewünschte Bedeutungsschwere zu
verleihen, werden auch rund 20 der 27 EU-Regierungschefs in den hohen
Norden reisen; Werner Faymann ist selbstverständlich auch am Start.
Man sieht, die Weihestunde für das eitle vielstimmige EU-Orchester
hat ihre komischen Aspekte. Das ist gut, in der Eurokrise gibt es
ohnehin wenig zu lachen.
Die Veranstaltung ist insgesamt schräg grundiert, auch formal: Einen
ganzen Staatenbund statt Einzelpersonen auszuzeichnen führt fast
zwangsläufig ins Wolkig-Diffuse. Mit dem Friedensnobelpreis wäre
Menschenrechtlern zwischen Kuba und dem Iran besser gedient gewesen,
denn die Ehrung hätte ihnen vielleicht Schutz geboten.
So bleibt es bei dem rührenden Versuch von fünf Norwegern, die EU wie
einen Pulk müder Marathonläufer, die sich verirrt haben, anzufeuern,
indem man sie an vergangene Leistungen erinnert. Das hilft nur leider
nicht bei der Orientierung. Es reicht nicht mehr, wenn sich die EU
2012, drei Generationen nach dem Zweiten Weltkrieg, vor allem als
Friedensprojekt definiert. Europa braucht eine neue Raison d'être.
Die Osloer Hopp-auf-Rufe wirken dabei nicht sinnstiftend.
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