• 27.11.2012, 19:06:00
  • /
  • OTS0300 OTW0300

"DER STANDARD"-Kommentar: "Rettung Athens dauert Jahrzehnte" von Thomas Mayer

Euroländer müssen im Klein-klein weitermachen, vor allem wegen Deutschland (ET 28.11.2012)

Utl.: Euroländer müssen im Klein-klein weitermachen, vor allem wegen
Deutschland (ET 28.11.2012) =

Wien (OTS) - Fast 30 Stunden intensiver direkter Verhandlungen der
Eurofinanzminister bei drei Sondertreffen in Brüssel in nur zwei
Wochen: So lange dauerte es seit der Vorlage des Troikaberichts Mitte
November, bis die seit Mai 2010 inzwischen bereits dritte
Nachbesserung des internationalen Hilfsprogramms für Griechenland
beschlossen war. Allein diese kleine Statistik zeugt eindrucksvoll
von der Schwierigkeit und der Komplexität, die die Bewältigung der
Krise für die Eurozone bedeutet.

Die unzähligen Telefonate von Regierungschefs, die Tage (und vor
allem Nächte), die die Euro-Arbeitsgruppe unter der Führung des
Österreichers Thomas Wieser seit Monaten durchmacht, um Pleite und
Dominoeffekt für ganz Europa abzuwenden, sind dabei noch gar nicht
eingerechnet.

Das sollte man im Auge behalten, wenn man das Ergebnis beurteilt oder
verurteilt. Die Einschätzungen reichen von "schleichender
Insolvenzverschleppung", wie die üblichen verdächtigen Eurohardliner
in Deutschland beckmessern, bis hin zum Stoßseufzer des griechischen
Premiers Antonis Samaras vom "Neustart".

Beides ist falsch. Die griechische Regierung hat seit Sommer hart
gearbeitet. Der Reformstart ist längst erfolgt. Aber die vielen
Jahre, die nun an Sanierungsarbeit durch Samaras und seine Nachfolger
geleistet werden müssen, werden wohl eine Art "permanenter Neustart"
sein müssen, eine gewaltige Umbauarbeit der griechischen
Gesellschaft, die gut ein Jahrzehnt dauern wird. Ein Premierminister
wird dafür kaum reichen.

Ob Griechenland die Wende schafft oder in einigen Jahren ökonomisch
(in der Folge politisch und gesellschaftlich) untergeht, das kann
heute aber kein Mensch voraussagen. Gewiss: Die wirtschaftlichen
Prognosen sind nicht nur an der Akropolis, sondern in ganz Europa
nicht gerade rosig. Das hat der jüngste OECD-Bericht just am Tag der
Einigung zum Griechenpaket deutlich gemacht. Aber dem steht eben der
feste politische Wille der Euroländer gegenüber, diesen Fall auf
unabsehbare Zeit keinesfalls eintreten zu lassen, sondern im Fall des
Falles Maßnahmen zu treffen, die das Land weiter in der Währungsunion
hält. Man wird also sehen, wer diese Wette auf die Zukunft eines
EU-Landes gewinnt.

Dass aber ausgerechnet die üblichen verdächtigen Eurogegner in
Deutschland jetzt ihrem Finanzminister den Vorwurf machen, er wolle
wider besseres Wissen eine sichere Pleite Griechenlands vertuschen,
habe nur Zeit gewinnen wollen, und selber so tun, als hätten sie
nichts als die Reinheit des deutschen Haushalts im Auge, entbehrt
übrigens nicht einer gewissen Ironie. Es ist nämlich vor allem
Deutschland, das in der Eurozone jede raschere und tiefergehendere
Sanierung in Griechenland verhindert - Stichwort Schuldenschnitt und
Verweis auf Verfassung und EU-Vertrag.

Würde Wolfgang Schäuble sich auf echt europäische Lösungen einlassen,
seine Kritiker wären die Ersten, die mit Klage zum Bundesgerichtshof
in Karlsruhe laufen würden. Also muss man im Klein-klein
weitermachen.

Und das ist vielleicht gar nicht so schlecht. "Wie solide ist das
alles jetzt?", fragte IWF-Chefin Christine Lagarde nächtens in
Brüssel in den Saal, um gleich selber die Antwort zu geben: Alle
Beteiligten müssten noch sehr lange sehr hart arbeiten, ihre
Verpflichtungen einhalten, Geber wie Nehmerländer, damit die Rettung
der Griechen gelingt. Wie wahr.

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PST

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel