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"Die Presse"-Leitartikel: Die rote Fahne über Graz: Und der Sieger heißt Franz Voves, von Oliver Pink
Ausgabe vom 27. November 2012
Utl.: Ausgabe vom 27. November 2012 =
Wien (OTS) - Die Kommunisten als die besseren Sozialdemokraten - das
ist die romantische Vorstellung. Die realpolitische sieht so aus:
Franz Voves ist seinen Gegner los.
Im Grazer Stadtteil Gries gelang es der Kommunistischen Partei
Österreichs am vergangenen Sonntag die absolute Mehrheit zu erobern.
Ein Arbeiterbezirk mit hohem Ausländeranteil, der andernorts für
Sozialdemokraten - und seit geraumer Zeit auch für Freiheitliche -
ein idealtypisches Wählerreservoir darstellt. Nicht so in Graz.
Da vertrauen die Menschen, vor allem jene aus den schwächeren
sozialen Schichten, lieber den Kommunisten. Also Vertretern einer
Ideologie, die seit gut zwanzig Jahren auf dem Komposthaufen der
Geschichte vor sich hin verrottet. Einer Weltanschauung, die für
viele Gutes wollte und vielfach Böses schuf. Und in ihrer
Theorielastigkeit an den wirklichen Bedürfnissen der Menschen, gerade
auch jener, die sie zu vertreten vorgab, oft weit vorbeisegelte.
Überlebt haben nur jene - wie etwa in China - die ihre Ideologie
gleich neben den verstaubten Marx-, Engels- und Lenin-Werken abgelegt
haben.
In gewisser Weise ähnlich gemacht haben es die Grazer Kommunisten.
Auch sie tragen ihre Ideologie nicht mehr vor sich her. Sie haben sie
zwar nicht abgelegt, ihr Handeln wird aber nicht davon bestimmt,
schon beim Aufwachen daran zu denken, wie denn die ungerechte Welt
heute am besten umzuwälzen wäre. Revolutionär nämlich. Es reicht
ihnen, sich der Alltagsnöte der Bevölkerung anzunehmen, bürgernah,
mit offenen Büros und anscheinend im Sinn ihrer Klientel auch
effizient.
Die nicht uncharismatische Grazer KP-Ikone Ernest Kaltenegger hat
dies vor Jahren eindrucksvoll vorgemacht, die vergleichsweise
unscheinbare Elke Kahr steht ihm nun mit 19,9 Prozent um nichts nach.
Was man daraus lernen kann: Es braucht nicht unbedingt eine
schillernde Persönlichkeit, manchmal reicht auch seriöse Sacharbeit.
Der wahre Sieger der Graz-Wahl - neben den Kommunisten - ist
allerdings einer, der deren Welt auch ganz gut kennt: Franz Voves,
Sohn eines Arbeiters und KPÖ-Gemeinderats, und heute Landeshauptmann
der Steiermark. Und das, obwohl seine SPÖ in Graz 4,4 Prozentpunkte
verloren hat und mittlerweile nur noch bei inferioren 15,3 Prozent
liegt.
Hatte es Franz Voves bisher ganz gut verstanden, seinen
ÖVP-Kontrahenten Hermann Schützenhöfer auf Distanz zu halten - erst
durch Konfrontation, dann durch Einbindung -, so musste er doch
fürchten, dass eines Tages Siegfried Nagl, jener Mann, der für die
ÖVP Graz erobert hatte, sein Gegner auf Landesebene wird. Wäre bei
der vergangenen Landtagswahl nicht auch das Grazer Ergebnis so
schlecht gewesen, die Rochade Nagl statt Schützenhöfer wäre dem
Vernehmen nach schon damals über die Bühne gegangen.
Doch seit vergangenem Sonntag kann sich Franz Voves entspannt
zurücklehnen: Von Siegfried Nagl hat er nichts mehr zu befürchten.
Der Grazer Bürgermeister, bisher immer wieder als Vorbild und
Zukunftshoffnung für die Volkspartei in Land und Bund gepriesen, hat
eine mehr als deutliche Niederlage erlitten. Er wollte die absolute
Mehrheit - geworden sind es 33,7 Prozent. Nur die Zersplitterung des
linken Lagers in drei Parteien zwischen zwölf und zwanzig Prozent
ermöglicht es ihm, weiterhin den Anspruch auf den Bürgermeistersessel
erheben zu können. Dieser steht ihm freilich auch zu, so schlecht hat
er es bisher nicht gemacht. Ob es künftig für mehr reicht, darf nach
diesem Wahlsonntag jedoch bezweifelt werden.
Die Ausgangsposition für die nächste Landtagswahl könnte für Franz
Voves also nach derzeitigem Stand nicht besser sein. Er hält sich
zwar bedeckt, ob er noch einmal antritt, doch angesichts der
Konkurrenz könnte ihm die Entscheidung leichtfallen. Wie man mit
Schützenhöfer umgeht, weiß er schon. Und mit Nagl ist wohl nicht mehr
zu rechnen.
Voves' größtes Problem ist wahrscheinlich jenes, dass seine Partei an
ihrem linken Flügel - angesichts der in diesen Kreisen unpopulären,
aber notwendigen Spar- und Reformmaßnahmen - abbröckeln könnte. Und
somit die Kommunisten einmal mehr einen Wahlerfolg feiern könnten. In
der Steiermark ist das, wie wir gesehen haben, möglich.
Aber notfalls legt Voves dann eben schnell noch mal die alte
Reichensteuerplatte auf.
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