TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel, von Peter Nindler (26. November 2012), "Tirol fährt Bahn, Brüssel Autobahn"

Innsbruck (OTS) - Modernste Bahntechnologie bietet ab jetzt in Tirol ein attraktives Angebot für die Verlagerung auf die Schiene. Doch am Ende des Tunnels steht die heimische Verkehrspolitik nach wie vor am Anfang: Denn Brüssel fährt auf die Straße ab.

Das Ende ist erst der Anfang. Für die heimischen (Verkehrs-)Politiker gilt das im besonderen Maße, wenn sie heute die neue Unterinntalbahn eröffnen. 2,358 Milliarden Euro stecken in modernster und umweltfreundlicher Bahntechnologie im Unterland. Die neue Bahnstrecke wurde gebaut, um den Schwerverkehr ins Innere der Berge zu verlagern. Mit denselben Argumenten wird der Bau des Brennerbasistunnels in Nord- und Südtirol forciert, der vier Mal so viel kostet. Der alpenquerende Güterverkehr soll auf die Schiene verlagert werden. Doch mit der Fertigstellung der 40 Kilometer langen Unterinntalbahn ist der Transitbefund für Tirol weiterhin ernüchternd.
Eigentlich steht Tirol nach Fertigstellung der viergleisigen Bahnstrecke durchs Unterinntal nur wenige Meter neben dem Spatenstich vor zehn Jahren. Das sektorale Lkw-Fahrverbot, das zumindest rund 200.000 Transporte von Abfall, Eisen oder Autos auf die Schiene gezwungen hat, wurde im Vorjahr erneut vom Europäischen Gerichtshof gekippt. Die Europäische Union setzt weiter auf die Straße und mittlerweile auf die überlangen Gigaliner, die bis zu 60 Tonnen Güter transportieren können. Deutschland und Italien denken ihrerseits nicht einmal daran, ihre Billigmauttarife für Lkw anzuheben, um zumindest die Umweltkosten einzurechnen. Und zum Drüberstreuen reduzieren die Österreichischen Bundesbahnen ihr Angebot.
Zumindest sieht es LH Günther Platter realistisch, wenn er meint, in Brüssel habe die Transportlobby noch die Nase vorne. Doch ewig lässt sich mit dieser Erkenntnis nicht Politik machen, zu viele Steuermilliarden werden in diverse Tunnelprojekte verbaut. Kritiker sprechen schon von Milliardengräbern. Weil auch die Kosten selten halten und stets nach oben revidiert werden müssen. Für die Unterinntalbahn wurden ursprünglich 1,352 Milliarden Euro veranschlagt, bei der Endabrechnung kommt jetzt eine Milliarde dazu. Beim Brennerbasistunnel musste in der Vergangenheit ebenfalls angepasst, wegen des Diktats der leeren Staatskassen jedoch im heurigen Frühjahr wieder abgespeckt werden.
Trotzdem: Investitionen in umweltfreundliche Verkehrsinfrastrukturen sind richtig, weil sie ein Angebot schaffen. Doch so lange die Straße noch zu billig für den Gütertransport ist, wird die Schiene keine wirkliche Alternative sein. Deshalb sind Tunnel das eine, die verkehrspolitischen Realitäten aber leider das andere.

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