- 23.11.2012, 18:49:06
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"Die Presse" - Leitartikel: Die eitle Ente vom Ende der Zeitungen, von Rainer Nowak
Ausgabe vom 24.11.2012
Utl.: Ausgabe vom 24.11.2012=
Wien (OTS) - Keine andere Branche zelebriert ihr angeblich nahes Ende
so selbstverliebt wie die Zeitungsbranche. Zeitungen sterben,
Zeitungen überleben. Das nennt man Markt.
Ein lösungsorientierter Leitartikel gilt in der deutschsprachigen
Publizistik zu Recht als Seltenheit und ambitionierte Herausforderung
zugleich. Dabei würde es nicht an Problemen mangeln, die einer
Beendigung harren: Da wären etwa die novembergraue Performance der
Regierung und die Aussicht auf deren Verlängerung. (Möglichkeit:
Regierungswechsel dank neuer Mehrheiten und Wahlrechtsreform.) Die
nur atmosphärisch verdrängte Euro-Finanzkrise, die wegen Frankreich
wieder in die allgemeine Aufmerksamkeit zurückkehrt. (Ansatz: An
konsequenter Budgetsanierung führt kein Weg vorbei, egal, wovon
gerade geträumt wird.) Oder der aktuelle Streit um die
EU-Finanzierung, also der aktuelle Ablasshandel - Medienleute nennen
so etwas gern Kickback-Zahlungen - zwischen Mitgliedsländern und
Brüssel. (Basis: Rabatte streichen, Subventionen und Zahlungen
deutlich senken.)
Aber wirklich beschäftigt Zeitungsredaktionen nur ein Thema: ihr
drohendes Aus. Tatsächlich brechen nicht erst seit gestern bei vielen
Titeln Auflagen ein, schwinden - auch im Zuge flackernder Finanz- und
Wirtschaftskrise - Anzeigenerlöse, die nicht eins zu eins nach
Digital wandern. Diese krisenähnliche Situation führt zu Jammern und
einer Endzeitstimmung, wie sie nur Journalisten mit der ihnen eigenen
Selbstüberschätzung produzieren können.
In der Werbebranche, die der Eitelkeit auch durchaus aufgeschlossen
ist, waren die vergangenen Jahre wesentlich schlimmer, Agenturen
mussten zusperren - auch in Wien -, und Kündigungen standen an der
Tagesordnung. Darüber berichteten Journalisten aller Kanäle nicht so
entrückt-verzückt.
Wer die "Krise" relativiert, gilt zwar als ewiggestriger
Holzschnittanhänger und Wolfgang-Lorenz-Bruder - der Ex-ORF-Mann
wagte einmal kollektiv das Netz zu beschimpfen, aber im
Zeitungsvergleichen liegen viele Äpfel und Birnen. Die "Financial
Times Deutschland" war und ist zwar eine exzellent gemachte Zeitung
mit hohem - ethischen - Standard. Leider machte sie in zwölf Jahren
nie Gewinn, auch nicht in den Boom-Jahren. Wie der Titel der Zeitung
schon andeutet, ist das Aus des Blattes wegen der fehlenden
finanziellen Basis aus Sicht des Konzerns wohl durchaus verständlich.
Die "Frankfurter Rundschau" - die Kollegen mögen verzeihen - ist
keine so exzellent gemachte Zeitung. Sie war mehr eine überregionale
Ex-Parteizeitung mit lokalem Anker, das war und ist kein
Erfolgskonzept. Als in Österreich die "Arbeiter-Zeitung" dichtmachen
musste, trug auch nicht das Internet Schuld daran. Selbst andere
Titel werden der Welt nicht schmerzlich fehlen. Manche Englischlehrer
haben mit dem "Newsweek"-Aus eine verlässlich-vorhersehbare
Unterrichtsunterlage verloren. Und das eben in Deutschland
zurückgenommene Stadtmagazin "Prinz" hat in Wien unbemerkt nur kurz
überlebt.
Das soll nicht heißen, dass die Lage für Print-Titel, die ihre
Inhalte allesamt gratis im Netz anbieten, nicht ernst sei. In
Deutschland müssen auch die großen Qualitätszeitungen wie die
"Frankfurter Allgemeine Zeitung" und die "Süddeutsche" deutlich die
Kosten senken, auch "Die Presse" muss solche schmerzlichen
Einschnitte vornehmen. Doch ein Ende der Zeitung - auf Papier oder
Digital - ist nicht in Sicht. Der gerade stattfindende Ausleseprozess
wird dafür sorgen, dass einzelne Marken gestärkt aus dieser Krise
hervorgehen. Manche wurden bereits stärker - die deutsche "Zeit"
etwa.
Zugegeben: Auch ich kann hier keine Lösung anbieten. Hätte ich eine,
würde ich mich - nun mögen die Leser verzeihen - nach Ausarbeitung
und Verkauf derselben verstärkt Familie und dem Schreiben widmen.
Aber ein paar Hinweise seien erlaubt: Zeitungen, die nur das
schreiben, berichten und meinen, was ohnehin jeder sagt und meint,
werden es schwer haben. Zeitungen, die ihre Inhalte verschenken, sind
Gratiszeitungen - egal, ob gedruckt oder online. Und diese haben nur
auf dem Boulevard Erfolg. Nur Zeitungen, die in Aufmachung, Zugang
und Gewichtung einen völlig eigenständigen Weg gehen, werden sich
durchsetzen. Der Journalismus muss sich radikal ändern, aber er wird
samt Zeitung nicht sterben.
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