• 20.11.2012, 18:34:15
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Leitartikel: Kroatiens Kampf gegen die Altlasten seiner Geschichte, von Wieland Schneider

Ausgabe vom 21.November 2012

Utl.: Ausgabe vom 21.November 2012=

Wien (OTS) - Die Verurteilung von Ex-Premier Sanader zeigt, dass sich
das künftige EU-Land seinen Problemen stellt. Doch es gilt noch
andere schmerzhafte Themen aufzuarbeiten.

Er hatte große Hoffnungen geweckt - in Kroatien und den europäischen
Nachbarstaaten. Und er war auch imstande, viele dieser Hoffnungen zu
erfüllen. Ivo Sanader war es gelungen, die "Kroatische Demokratische
Gemeinschaft" (HDZ) in die Mitte zu führen. Der Partei des
Kriegspräsidenten Franjo Tudjman haftete das Odium an, ein
Sammelbecken finsterer Nationalisten zu sein. Tudjman, der Vater der
kroatischen Unabhängigkeit, hatte sich in den Neunzigerjahren als
Übervater der kroatischen Nation geriert und im Land und seiner
Partei autoritär geherrscht. Nach Tudjmans Tod wurde die HDZ auf die
Oppositionsbank verwiesen.
Sanader brach den Einfluss der ultranationalistischen Kreise in der
HDZ. Er machte das Erscheinungsbild der Partei freundlicher, brachte
sie erneut an die Regierung - und Kroatien auf strammen EU-Kurs. Mit
seinem pragmatischen Verhalten und seiner klaren Anerkennung eines
geeinten Bosnien und Herzegowina wurde er ein Liebkind der
internationalen Gemeinschaft. Den neuen proeuropäischen Weg wussten
ihm auch viele Kroaten zu danken.
Doch Ivo Sanader erfüllte nicht nur viele Hoffnungen. Er enttäuschte
auch bitter. Seine noch nicht rechtskräftige Verurteilung wegen
Korruption und Amtsmissbrauchs ist nur der letzte Akt in einem
mehrere Jahre währenden Drama, einem Lehrstück, das das Kroatien
durchziehende System aus Verfilzung und Vetternwirtschaft
bloßstellte. Den meisten Kroaten war schmerzlich bewusst, Gefangene
dieses Systems zu sein. Doch viele waren schockiert darüber, dass
just "Saubermann" Sanader darin verstrickt sein sollte.
So wie für viele andere südosteuropäische Staaten war Kroatiens
Ausgangslage nicht einfach. Das Land musste in kurzer Zeit mehrere
Transitionen durchmachen: vom Kommunismus jugoslawischer Spielart zur
Marktwirtschaft, von einer Teilrepublik Jugoslawiens zu einem eigenen
Staat, von einem Konfliktgebiet, in dem ein schauerlicher Krieg
wütete, zu einem stabilen Mitglied der europäischen Familie und von
der kommunistischen Einparteienherrschaft zu einem
Mehrparteiensystem, in dem aber zunächst mit der HDZ auch nur eine
Kraft dominierte. Diese schwierigen Übergänge verliefen nicht immer
erfolgreich, und jeder von ihnen hinterließ Altlasten, mit denen das
neue Kroatien bis heute zu kämpfen hat. Eine davon ist das Biotop, in
dem dubiose Geschäftsleute und Kriegsgewinnler ihrem Business
nachgegangen sind und in dem Politiker offenbar geglaubt haben,
ungestraft ihre Macht missbrauchen zu können.
Doch Kroatien hat Anstrengungen unternommen, dieses Biotop
trockenzulegen. Das zeigt gerade der Prozess gegen Ivo Sanader. Dass
ein ehemaliger gefeierter Regierungschef wegen mutmaßlicher
finanzieller Machenschaften zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt wird,
ist eine Sensation. In vielen EU-Staaten kommen Ex-Politiker bei
ähnlichen Vergehen viel glimpflicher davon oder schaffen es
überhaupt, der Justiz dauerhaft ein Schnippchen zu schlagen. Hier
beweist das angehende EU-Mitglied Kroatien mehr Europareife als viele
seiner "alten" Unionskollegen.

Es wirkt wie eine Laune der Geschichte, dass Sanaders Verurteilung
nur wenige Tage nach der Freilassung eines Mannes kam, den Sanader
indirekt ins Gefängnis gebracht hatte: Der kroatische Exgeneral Ante
Gotovina wurde vergangene Woche vom Haager Kriegsverbrechertribunal
freigesprochen. Gotovina war einer der Hauptverantwortlichen für die
Operation "Sturm" zur Rückeroberung der Krajina 1995. Dabei töteten
kroatische Soldaten auch mehrere hundert serbische Zivilisten, fast
die gesamte serbische Bevölkerung der Krajina wurde in die Flucht
geschlagen.
Die Zusammenarbeit mit dem Tribunal war eine wichtige Voraussetzung
für Kroatiens Weg in die EU. Sanader erfüllte sie und zog seine
schützende Hand über Gotovina weg. Der General wurde verhaftet. Nun
feierte Kroatien euphorisch, dass "Kriegsheld" Gotovina in die
Freiheit entlassen wurde. Doch diese Europhorie darf nicht blind
dafür machen, dass Kroatien noch einiges aus seiner jüngsten
Geschichte aufzuarbeiten hat. Auch das ist eine Altlast, die es zu
entsorgen gilt.

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