• 13.11.2012, 18:44:46
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"Die Presse"-Leitartikel: Man darf sich doch nicht erwischen lassen, von Friederike Leibl

Ausgabe vom 14.November 2012

Utl.: Ausgabe vom 14.November 2012=

Wien (OTS) - Die Causa Petraeus wird mit Scheinheiligkeit und Häme
verfolgt. Sie offenbart vor allem: Gegen eine böse Verführerin hat
sogar ein Geheimdienstchef keine Chance.

Niemanden sieht man lieber scheitern als den Untadeligen. Und nichts
sieht man lieber zerbröckeln als die heile Fassade einer
amerikanischen Vorzeigefamilie. Der Fall des ehemaligen CIA-Chefs
David Petraeus bedient das Bedürfnis nach Häme, nach Unterhaltung,
nach Indiskretion. Es geht aber nicht nur um Sex, Eifersucht und
Verrat auf höchsten Ebenen von Geheimdienst und Militär, der Fall
zieht weitere Kreise, als es der ursprüngliche, relativ banale
Tatbestand - zwei jeweils anderweitig verheiratete Menschen haben
eine Affäre - hat erahnen lassen.

Welche Auswirkungen hätte ein Aufdecken des Skandals vor der US-Wahl
gehabt? Und welchen Einblick hatte die Geliebte in geheimdienstliche
Informationen, in militärische Geheimnisse? Was wusste sie über den
Anschlag auf das US-Konsulat in Bengasi, bei dem vier US-Bürger
starben? Wie groß war das Sicherheitsrisiko tatsächlich? Und: Warum
trat Petraeus tatsächlich zurück, was wird vertuscht?

Während die US-Behörden an der Aufklärung dieser Fragen arbeiten,
finden medial Ermittlungen ganz anderer Art statt, die in eine klare
Richtung zu laufen scheinen: in die der totalen Demontage der
Geliebten Paula Broadwell. Als karrierebesessen, eitel, rachsüchtig
wird die Elitesoldatin und Petraeus-Biografin nun bezeichnet. Eine
Verführerin, die ihr wahres Wesen hinter der Fassade einer
fürsorglichen Mutter und Ehefrau versteckte, die sich als
"Traumnachbarin" gab, gern grillte und zu Halloween einen Sack
Süßigkeiten für die Nachbarskinder bereithielt. Auf der Einfahrt zu
dem Einfamilienhaus, aus dem ihre Familie vor Reportern geflüchtet
ist, findet sich wie zum Hohn ein Relikt aus besseren Tagen: "Dad
loves mom" hat da jemand auf den Boden gesprüht. Tiefer kann man
nicht stürzen.

Die Rollen werden ganz klar verteilt: Umgarnt und verführt
strauchelte der unfehlbare General. Es fehlte noch, dass jemand die
Bibel bemühte: Immerhin reichte doch Eva Adam den Apfel.

Der gefallene CIA-Chef ist längst zum armen Sünder geworden: Er sei
am Boden zerstört, heißt es. Und er sei entsetzt gewesen, als er von
den E-Mail-Attacken der Geliebten erfahren habe. Da hatte er
allerdings schon lange die Kontrolle verloren.

Es ist der Kontrollverlust, der den Kern des Falls Petraeus
darstellt, nicht die Tatsache des Ehebruchs. In einem Land, in dem
die eheliche Treue als Voraussetzung für eine politische Karriere
gilt, darf man sich nicht bei einem Seitensprung erwischen lassen.
Wenn die moralische Rüstung nicht intakt ist, wird man angreifbar,
verwundbar. Erpressbar.

Wäre dies auch in Frankreich so passiert? In einem Land, in dem es
kaum jemanden zu stören scheint, wenn beim Begräbnis des
Altpräsidenten neben der Ehefrau auch die langjährige Geliebte
trauert? In Deutschland, in Österreich? Wann wird man hierzulande
eigentlich zum Sicherheitsrisiko?

David Petraeus galt als genialer Stratege, als gefeierter Vordenker.
Nur seine linken Kritiker schmähten ihn wegen seiner Rolle im
Irak-Krieg in Abwandlung seines Namens als "General betray us". Dass
ausgerechnet er einen sogenannten "toten Briefkasten" für den
E-Mail-Verkehr mit seiner Geliebten eingerichtet hat, wie ihn auch
Terroristen des al-Qaida-Netzwerks für ihre Kommunikation benützen,
bestürzt die Öffentlichkeit. Dass hochdekorierte Generäle überhaupt
wie Teenager zehntausende private E-Mails verschicken, noch mehr.
Gerade in Zeiten, in denen angesichts moderner Kommunikation nichts
mehr privat zu sein scheint, wird die Diskrepanz zwischen Anspruch
und Wirklichkeit unüberwindbar hoch.

Nach dem US-militärischen Kodex ist Ehebruch in Uniform seit 1775
strafbar. Grund dafür war hauptsächlich, Soldaten, die fern der
Heimat im Einsatz waren, vor Kameraden zu schützen, die daheim den
einsamen Ehefrauen nachstellen könnten. Gleichzeitig wurde von -
verheirateten - Soldaten aber kein zölibatäres Leben erwartet:
Prostituierte galten als normale Begleiterscheinung marschierender
Heere. Später schossen für diese Bedürfnisse Bordelle aus dem Boden.
Ehebruch ist nicht gleich Ehebruch, wenn die Fassade gewahrt wird.
Das nennt man dann Moral.

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