Ärztekammer unterstützt Uni-Projekt zu Ärztinnen und Ärzten in Österreich 1938-1945

Geschichte der in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgten österreichischen Ärzteschaft wird erstmals umfassend untersucht - Beginn mit Suche nach Zeitzeugen und Angehörigen

Wien (OTS) - Die Ärztekammer für Wien fördert die Aufarbeitung eines Teils ihrer Geschichte: Kürzlich fiel der Startschuss für das am Institut für Rechts- und Verfassungsgeschichte der Universität Wien durchgeführte Projekt "Ärztinnen und Ärzte in Österreich 1938-1945 -Entrechtung, Vertreibung, Ermordung". Die Untersuchung der betroffenen Ärztinnen und Ärzte sowie ihrer Schicksale umfasst ganz Österreich, die Forschungsdauer wird auf vier Jahre projektiert.

Zentrale Zielsetzung des Projekts ist die Publikation eines repräsentativen Gedenkbuches mit Aufsätzen namhafter Wissenschafterinnen und den Biografien der einzelnen Betroffenen im Verlag der Ärztekammer für Wien im Umfang von geplanten 800 Seiten. Derzeit wird versucht, möglichst viele Zeitzeugen und Angehörige zu finden.

Lebenswege sollen vollständig nachgezeichnet werden

Nach dem Vorbild des Buches "Advokaten 1938", das ein Gedenkbuch für NS-verfolgte Rechtsanwälte ist, dient das nun gestartete Projekt der vertieften Erforschung der in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgten österreichischen Ärzteschaft, liegen doch einerseits überhaupt nur wenige Publikationen zu dieser Thematik vor, zum anderen lassen diese viele Fragen noch unbearbeitet.

So sollen im Rahmen des Projekts einerseits die rechtshistorischen Grundlagen sowie die konkrete rechtlich-organisatorische Durchführung der Maßnahmen umfassend geklärt werden. Dies betrifft insbesondere den Entzug der Approbation und der Kassenzulassung sowie den Status der so genannten Krankenbehandler (jüdische Ärztinnen und Ärzte, die für die Behandlung von Juden zugelassen wurden). Des Weiteren wird der Frage nachgegangen, ob sich die Entrechtung der frei schaffenden Ärztinnen und Ärzte in Österreich nur auf die Kassenärzte oder, wie in Deutschland, auch auf den Bereich der privaten Versicherungen erstreckte.

Hinsichtlich der einzelnen betroffenen Ärztinnen und Ärzte erfolgt die Bearbeitung und Auswertung der Quellen sowohl quantitativ als auch qualitativ. Zu diesen Zwecken werden eingehende biografische Untersuchungen angestellt, um die jeweiligen Lebenswege möglichst vollständig nachzeichnen zu können. Diese fokussieren einerseits auf ihren beruflichen Werdegang, andererseits auf ihr persönliches Schicksal nach dem "Anschluss", sei es, dass sie im Land überleben konnten, hier zwischen 1938 und 1945 starben, in die Vernichtungslager deportiert wurden oder ihnen die Flucht ins Ausland gelang.

"Wir stellen uns der eigenen Geschichte"

Die Untersuchung umfasst erstmals ganz Österreich. Für Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres war es dabei wichtig, dass sämtliche Ärztinnen und Ärzte erfasst werden, denen die Approbation entzogen wurde, "sei es aus rassischen, politischen oder sonstigen NS-spezifischen Gründen". Man stelle sich dabei der eigenen Geschichte und wolle so "einen wichtigen Beitrag leisten, der uns allen als Mahnung und Auftrag gleichermaßen gelten soll", betont der Ärztekammerpräsident.

Autorinnen der Studie sind die Rechtshistorikerin Ilse Reiter-Zatloukal sowie die Historikerin Barbara Sauer. Beide Wissenschafterinnen sind auch die Autorinnen des Buches "Advokaten 1938". "Mastermind" des Ärzteprojekts ist der 1939 aus Wien vertriebene und jetzt in Tel Aviv tätige Zahnarzt Haim Galon.

Galon hat die Idee der Autorinnen für ein derartiges Ärzteprojekt bereits vor einem Jahr an die Wiener Ärztekammer herangetragen. Deren damaliger Präsident Walter Dorner war einer der ersten vehementen Befürworter. Nach zahlreichen Vorbesprechungen und inhaltlichen Abstimmungen konnte nun unter seinem Nachfolger Thomas Szekeres mit den ersten Umsetzungsschritten begonnen werden.

Das Buch soll rechtzeitig zum 125-Jahr-Jubiläum der Ärztekammer für Wien im Rahmen eines Fachsymposiums der Öffentlichkeit präsentiert werden. Die Rechtsform ist ein Drittelmittelprojekt an der Universität Wien. Fördergelder kommen unter anderem vom Jubiläumsfonds der Oesterreichischen Nationalbank, dem Zukunftsfonds der Republik Österreich, dem Nationalfonds der Republik Österreich und der Stadt Wien.

Neben der Ärztekammer für Wien gibt es auch Unterstützungen seitens der Landesärztekammern von Burgenland und Tirol, die ebenfalls großes Interesse am Projekt und einer klaren Aufarbeitung der Schicksale der Ärztinnen und Ärzte in dieser Zeit haben. (hpp)

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