• 13.11.2012, 10:02:12
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Ärztekammer unterstützt Uni-Projekt zu Ärztinnen und Ärzten in Österreich 1938-1945

Geschichte der in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgten österreichischen Ärzteschaft wird erstmals umfassend untersucht - Beginn mit Suche nach Zeitzeugen und Angehörigen

Utl.: Geschichte der in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgten
österreichischen Ärzteschaft wird erstmals umfassend
untersucht - Beginn mit Suche nach Zeitzeugen und Angehörigen=

Wien (OTS) - Die Ärztekammer für Wien fördert die Aufarbeitung eines
Teils ihrer Geschichte: Kürzlich fiel der Startschuss für das am
Institut für Rechts- und Verfassungsgeschichte der Universität Wien
durchgeführte Projekt "Ärztinnen und Ärzte in Österreich 1938-1945 -
Entrechtung, Vertreibung, Ermordung". Die Untersuchung der
betroffenen Ärztinnen und Ärzte sowie ihrer Schicksale umfasst ganz
Österreich, die Forschungsdauer wird auf vier Jahre projektiert.

Zentrale Zielsetzung des Projekts ist die Publikation eines
repräsentativen Gedenkbuches mit Aufsätzen namhafter
Wissenschafterinnen und den Biografien der einzelnen Betroffenen im
Verlag der Ärztekammer für Wien im Umfang von geplanten 800 Seiten.
Derzeit wird versucht, möglichst viele Zeitzeugen und Angehörige zu
finden.

Lebenswege sollen vollständig nachgezeichnet werden

Nach dem Vorbild des Buches "Advokaten 1938", das ein Gedenkbuch
für NS-verfolgte Rechtsanwälte ist, dient das nun gestartete Projekt
der vertieften Erforschung der in der Zeit des Nationalsozialismus
verfolgten österreichischen Ärzteschaft, liegen doch einerseits
überhaupt nur wenige Publikationen zu dieser Thematik vor, zum
anderen lassen diese viele Fragen noch unbearbeitet.

So sollen im Rahmen des Projekts einerseits die rechtshistorischen
Grundlagen sowie die konkrete rechtlich-organisatorische Durchführung
der Maßnahmen umfassend geklärt werden. Dies betrifft insbesondere
den Entzug der Approbation und der Kassenzulassung sowie den Status
der so genannten Krankenbehandler (jüdische Ärztinnen und Ärzte, die
für die Behandlung von Juden zugelassen wurden). Des Weiteren wird
der Frage nachgegangen, ob sich die Entrechtung der frei schaffenden
Ärztinnen und Ärzte in Österreich nur auf die Kassenärzte oder, wie
in Deutschland, auch auf den Bereich der privaten Versicherungen
erstreckte.

Hinsichtlich der einzelnen betroffenen Ärztinnen und Ärzte erfolgt
die Bearbeitung und Auswertung der Quellen sowohl quantitativ als
auch qualitativ. Zu diesen Zwecken werden eingehende biografische
Untersuchungen angestellt, um die jeweiligen Lebenswege möglichst
vollständig nachzeichnen zu können. Diese fokussieren einerseits auf
ihren beruflichen Werdegang, andererseits auf ihr persönliches
Schicksal nach dem "Anschluss", sei es, dass sie im Land überleben
konnten, hier zwischen 1938 und 1945 starben, in die
Vernichtungslager deportiert wurden oder ihnen die Flucht ins Ausland
gelang.

"Wir stellen uns der eigenen Geschichte"

Die Untersuchung umfasst erstmals ganz Österreich. Für
Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres war es dabei wichtig, dass
sämtliche Ärztinnen und Ärzte erfasst werden, denen die Approbation
entzogen wurde, "sei es aus rassischen, politischen oder sonstigen
NS-spezifischen Gründen". Man stelle sich dabei der eigenen
Geschichte und wolle so "einen wichtigen Beitrag leisten, der uns
allen als Mahnung und Auftrag gleichermaßen gelten soll", betont der
Ärztekammerpräsident.

Autorinnen der Studie sind die Rechtshistorikerin Ilse
Reiter-Zatloukal sowie die Historikerin Barbara Sauer. Beide
Wissenschafterinnen sind auch die Autorinnen des Buches "Advokaten
1938". "Mastermind" des Ärzteprojekts ist der 1939 aus Wien
vertriebene und jetzt in Tel Aviv tätige Zahnarzt Haim Galon.

Galon hat die Idee der Autorinnen für ein derartiges Ärzteprojekt
bereits vor einem Jahr an die Wiener Ärztekammer herangetragen. Deren
damaliger Präsident Walter Dorner war einer der ersten vehementen
Befürworter. Nach zahlreichen Vorbesprechungen und inhaltlichen
Abstimmungen konnte nun unter seinem Nachfolger Thomas Szekeres mit
den ersten Umsetzungsschritten begonnen werden.

Das Buch soll rechtzeitig zum 125-Jahr-Jubiläum der Ärztekammer
für Wien im Rahmen eines Fachsymposiums der Öffentlichkeit
präsentiert werden. Die Rechtsform ist ein Drittelmittelprojekt an
der Universität Wien. Fördergelder kommen unter anderem vom
Jubiläumsfonds der Oesterreichischen Nationalbank, dem Zukunftsfonds
der Republik Österreich, dem Nationalfonds der Republik Österreich
und der Stadt Wien.

Neben der Ärztekammer für Wien gibt es auch Unterstützungen
seitens der Landesärztekammern von Burgenland und Tirol, die
ebenfalls großes Interesse am Projekt und einer klaren Aufarbeitung
der Schicksale der Ärztinnen und Ärzte in dieser Zeit haben. (hpp)

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