• 06.11.2012, 18:18:20
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"Die Presse"-Leitartikel: Die Abgesänge auf Amerika kommen zu früh, von Wieland Schneider

Ausgabe vom 7. November 2012

Utl.: Ausgabe vom 7. November 2012=

Wien (OTS) - Wie sehr die Krise auch die Amerikaner noch beuteln mag:
Sie wird so schnell nichts am Status der USA als politischer und
militärischer Supermacht ändern.

Es ist ein gewaltiger Berg von Problemen, den der US-Präsident in den
kommenden Jahren abzutragen hat: Die Wirtschaft hat nach wie vor
nicht richtig Tritt gefasst, für amerikanische Verhältnisse haben
außergewöhnlich viele Menschen keinen Job, und die Schulden des
Landes steigen in immer schwindelerregendere Höhen. Das
Gesundheitssystem der USA ist eines der teuersten und zugleich
ineffizientesten der Welt, in manchen Teilen der Staaten ist die
Infrastruktur so marod, dass man sich eher in einem Land der "Dritten
Welt" wähnt als in der modernsten Supermacht auf dem Globus. Und auf
dem internationalen Parkett stellen aufstrebende Mitspieler wie China
Washingtons politischen und wirtschaftlichen Führungsanspruch
infrage.

Immer mehr Kommentatoren sehen deshalb das Ende der USA als Weltmacht
heraufdräuen. Das deutsche Magazin "Der Spiegel" etwa schreibt vom
"Amerikanischen Patienten" und dem "Niedergang einer großen Nation".
Doch wie schon so oft in der Vergangenheit ist der Abgesang auf die
USA verfrüht.

Zwar lastet der Defizitrekord wie ein Mühlstein auf Bürgern und
Regierung. Doch schon in der Vergangenheit steckten die USA tief in
Schulden- und Wirtschaftskrisen und schafften es immer wieder
herauszukommen: etwa nach der großen Depression der 1930er-Jahre oder
der Öl- und Inflationskrise der 1970er - auch wenn die Probleme
damals anders beschaffen waren als jene von heute.

Wie sehr die Krise auch Amerika noch beuteln mag: Sie wird so schnell
nichts am Status der USA als politischer und militärischer Supermacht
ändern.

Zwar setzte die Regierung Obama zuletzt auch beim Militär den
Rotstift an und verabschiedete sich von der strategischen Vorgabe,
die USA müssten fähig sein, zwei größere Kriege gleichzeitig zu
führen. Der technische Vorsprung und die Schlagkraft der
US-Streitkräfte sind aber nach wie vor unübertroffen. Das lässt sich
Washington - trotz Rekordschulden - einiges kosten: Mehr als 40
Prozent aller weltweiten Militärausgaben fließen in Amerikas
Verteidigungskapazitäten. Im Vergleich dazu nehmen sich die
militärischen Anstrengungen Chinas, das zuletzt kräftig nachgerüstet
hat, weiterhin bescheiden aus.

Das aufstrebende ostasiatische Land hat Wirtschaftswachstumszahlen,
von denen die Amerikaner - und auch die Europäer - nur träumen
können. Peking kann es sich leisten, einen Großteil der
amerikanischen Staatsanleihen zu halten - was US-Außenministerin
Hillary Clinton laut WikiLeaks zu der resignierenden Bemerkung
verleitet haben soll: "Wie verhandelt man mit seiner Bank, der man
einen Haufen Geld schuldet?" Wirklich machtpolitisch ausspielen kann
Peking dieses Atout aber nicht: Denn ein weiterer Einbruch der USA
würde auch China treffen, das Amerika als Absatzmarkt benötigt.

Das selbstbewusste China versucht zweifellos, in Ostasien den
Einfluss Washingtons zurückzudrängen. Dass die USA Konkurrenten
haben, ist aber nichts Neues. Amerika war zwar immer einer der
mächtigsten, doch nie der einzige Sheriff in der Stadt. Nach dem
Zweiten Weltkrieg standen den USA die Sowjetunion und deren
Vasallenstaaten gegenüber. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks
schien es zunächst so, als würde Washington von nun an ganz allein
den Lauf der Dinge bestimmen können. De facto kam es aber zur
Rückkehr zu einer multipolaren Welt: Denn das Korsett des Kalten
Krieges, in dem die meisten Länder entweder der einen oder der
anderen Supermacht verpflichtet waren, war aufgebrochen.

Auch die jüngsten politischen Verschiebungen im arabischen Raum mögen
zunächst den Einfluss der USA schwächen. Doch Ähnliches haben sie
schon erlebt, und zwar in härterer Form: etwa nach der iranischen
Revolution 1978/79, als sie einen wichtigen Verbündeten verloren und
dafür mit einem neuen Todfeind konfrontiert waren. Militärische
Stärke ist nicht das einzige Kriterium für politischen Einfluss,
gerade in der "neuen" arabischen Welt. Doch auch was Soft Skills wie
Diplomatie und gezielte Wirtschaftshilfe betrifft, sind die USA nach
wie vor führend. Die Welt wird auch noch in Zukunft zu einem nicht
geringen Teil eine "amerikanische" bleiben.

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