"Die Presse"-Leitartikel: Die Abgesänge auf Amerika kommen zu früh, von Wieland Schneider

Ausgabe vom 7. November 2012

Wien (OTS) - Wie sehr die Krise auch die Amerikaner noch beuteln mag:
Sie wird so schnell nichts am Status der USA als politischer und militärischer Supermacht ändern.

Es ist ein gewaltiger Berg von Problemen, den der US-Präsident in den kommenden Jahren abzutragen hat: Die Wirtschaft hat nach wie vor nicht richtig Tritt gefasst, für amerikanische Verhältnisse haben außergewöhnlich viele Menschen keinen Job, und die Schulden des Landes steigen in immer schwindelerregendere Höhen. Das Gesundheitssystem der USA ist eines der teuersten und zugleich ineffizientesten der Welt, in manchen Teilen der Staaten ist die Infrastruktur so marod, dass man sich eher in einem Land der "Dritten Welt" wähnt als in der modernsten Supermacht auf dem Globus. Und auf dem internationalen Parkett stellen aufstrebende Mitspieler wie China Washingtons politischen und wirtschaftlichen Führungsanspruch infrage.

Immer mehr Kommentatoren sehen deshalb das Ende der USA als Weltmacht heraufdräuen. Das deutsche Magazin "Der Spiegel" etwa schreibt vom "Amerikanischen Patienten" und dem "Niedergang einer großen Nation". Doch wie schon so oft in der Vergangenheit ist der Abgesang auf die USA verfrüht.

Zwar lastet der Defizitrekord wie ein Mühlstein auf Bürgern und Regierung. Doch schon in der Vergangenheit steckten die USA tief in Schulden- und Wirtschaftskrisen und schafften es immer wieder herauszukommen: etwa nach der großen Depression der 1930er-Jahre oder der Öl- und Inflationskrise der 1970er - auch wenn die Probleme damals anders beschaffen waren als jene von heute.

Wie sehr die Krise auch Amerika noch beuteln mag: Sie wird so schnell nichts am Status der USA als politischer und militärischer Supermacht ändern.

Zwar setzte die Regierung Obama zuletzt auch beim Militär den Rotstift an und verabschiedete sich von der strategischen Vorgabe, die USA müssten fähig sein, zwei größere Kriege gleichzeitig zu führen. Der technische Vorsprung und die Schlagkraft der US-Streitkräfte sind aber nach wie vor unübertroffen. Das lässt sich Washington - trotz Rekordschulden - einiges kosten: Mehr als 40 Prozent aller weltweiten Militärausgaben fließen in Amerikas Verteidigungskapazitäten. Im Vergleich dazu nehmen sich die militärischen Anstrengungen Chinas, das zuletzt kräftig nachgerüstet hat, weiterhin bescheiden aus.

Das aufstrebende ostasiatische Land hat Wirtschaftswachstumszahlen, von denen die Amerikaner - und auch die Europäer - nur träumen können. Peking kann es sich leisten, einen Großteil der amerikanischen Staatsanleihen zu halten - was US-Außenministerin Hillary Clinton laut WikiLeaks zu der resignierenden Bemerkung verleitet haben soll: "Wie verhandelt man mit seiner Bank, der man einen Haufen Geld schuldet?" Wirklich machtpolitisch ausspielen kann Peking dieses Atout aber nicht: Denn ein weiterer Einbruch der USA würde auch China treffen, das Amerika als Absatzmarkt benötigt.

Das selbstbewusste China versucht zweifellos, in Ostasien den Einfluss Washingtons zurückzudrängen. Dass die USA Konkurrenten haben, ist aber nichts Neues. Amerika war zwar immer einer der mächtigsten, doch nie der einzige Sheriff in der Stadt. Nach dem Zweiten Weltkrieg standen den USA die Sowjetunion und deren Vasallenstaaten gegenüber. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks schien es zunächst so, als würde Washington von nun an ganz allein den Lauf der Dinge bestimmen können. De facto kam es aber zur Rückkehr zu einer multipolaren Welt: Denn das Korsett des Kalten Krieges, in dem die meisten Länder entweder der einen oder der anderen Supermacht verpflichtet waren, war aufgebrochen.

Auch die jüngsten politischen Verschiebungen im arabischen Raum mögen zunächst den Einfluss der USA schwächen. Doch Ähnliches haben sie schon erlebt, und zwar in härterer Form: etwa nach der iranischen Revolution 1978/79, als sie einen wichtigen Verbündeten verloren und dafür mit einem neuen Todfeind konfrontiert waren. Militärische Stärke ist nicht das einzige Kriterium für politischen Einfluss, gerade in der "neuen" arabischen Welt. Doch auch was Soft Skills wie Diplomatie und gezielte Wirtschaftshilfe betrifft, sind die USA nach wie vor führend. Die Welt wird auch noch in Zukunft zu einem nicht geringen Teil eine "amerikanische" bleiben.

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