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"Die Presse" - Leitartikel: Europas nicht erwiderte Liebe zu Barack Obama, von Franz Schellhorn
Ausgabe vom 03.11.2012
Utl.: Ausgabe vom 03.11.2012=
Wien (OTS) - Dem US-Präsidenten wird in Europa alles verziehen. Vor
allem von Journalisten, die ihre Zuneigung zu Obama offen zur Schau
tragen. Das hat sich Obama nicht verdient.
Es ist völlig egal, wen man in Europa fragt. Ob Gewerkschafter,
Industrieller, Politiker, Wissenschaftler, Krankenschwester,
Lobbyist, Kleinunternehmer, Banker, Arzt, Steuerberater, Architekt
oder Kunstschaffender: Sie alle würden am 6. November von Herzen
Barack Obama wählen, wenn man sie nur ließe. Der amtierende
US-Präsident gilt als "einer von uns". Ein Mann, der europäisch
denkt, die staatliche Umverteilung propagiert, um so die hässlichen
Falten der sozialen Ungerechtigkeit auszubügeln. Ein Politiker,
dessen gesellschaftspolitische Positionen weitaus sympathischer sind
als jene seines Widersachers.
Einer, der nicht peinlich ist, sondern mitreißende Reden hält,
Charisma hat und überhaupt ziemlich cool rüberkommt. Barack Obama für
einen tollen Burschen zu halten ist mittlerweile so riskant, wie
Helmut Schmidt gut zu finden. Diesen "Bescheidenheitsprotz" und an
"Geschwätz-Diarrhoe leidenden Ersatz-Hindenburg" wie der deutsche
Feuilletonist Fritz J. Raddatz jüngst in einem Interview mit der
"FAZ" so treffend sagte.
Wer hingegen Präferenzen für Mitt Romney erkennen lässt, steht im
Verdacht, einen von Finanzhaien und hinterwäldlerischen Waffennarren
gesteuerten Religionskranken im Weißen Haus sehen zu wollen. Schön,
wie einfach die Dinge hin und wieder liegen können.
Darüber freut sich auch das Gros der hauptamtlichen Berichterstatter.
In Europa wird die zahlende Kundschaft kaum mit kritischen Berichten
versorgt, die der Frage nachgingen, warum aus den vielen
Wahlversprechen so wenig geworden ist. Wie aus dem Rückzug aus
Afghanistan eine massive Aufstockung des Truppeneinsatzes werden
konnte, wieso das Gefangenenlager in Guantánamo noch immer in Betrieb
ist und was aus dem harten Vorgehen gegen die Wall Street wurde. Kaum
ein Wort darüber, dass selbst wohlwollende Beobachter aus den USA in
Obama mittlerweile einen besserwisserischen Zauderer sehen, dem es an
Verhandlungsgeschick fehlt. Fast so, als wären derartige Fragen
unanständig oder deren bloßes Stellen schon ein heimtückischer Verrat
an der "guten Sache".
Stattdessen werden alberne Thesen serviert. Etwa jene, dass Barack
Obama einfach nur zu gut für die Macht sei. Ein Mann, der zu wenig
entschlossen gegen seine Gegner vorgehe, weil er sie unterschätzt
habe. Dass nicht Obama seine Widersacher unter-, sondern dessen
Bewunderer ihn heillos überschätzt haben, gilt hingegen als
denkunmöglich.
Hervorragend im Rennen liegt auch die These, dass Obama vom "Erbe"
seines Vorgängers erdrückt wird. Auch wenn das ökonomische und
außenpolitische Desaster der Bush-Ära außer Zweifel steht, dürfte es
doch einer Erwähnung wert sein, dass es der Demokrat Bill Clinton
war, der die Vergabe von Krediten an mittellose US-Bürger für den
Ankauf von Eigenheimen forcierte. Derselbe Clinton, der 1999 den
"Glass-Steagall Act" außer Kraft setzte. Ein Gesetz, das
Zusammenschlüsse von Investmentbanken und traditionellen
Kredithäusern untersagte, damit die spekulierenden Teile "im Fall des
Falles" nicht auf Einlagen der Sparer zugreifen konnten. Deshalb ist
es über Jahrzehnte hinweg zu keiner "Kernschmelze" im Finanzgeschäft
gekommen.
Bemerkenswert an der Zuneigung Europas zu Barack Obama ist nicht nur,
dass sie eine bedingungslose, sondern auch eine sehr einseitige ist.
Der US-Präsident hat für Europa nämlich herzlich wenig übrig.
Abgesehen von jeder Menge Belehrungen für Europas Politiker, wie sie
ihre Länder wirtschaftlich wieder auf die Beine zu bringen hätten.
Zum Beispiel, indem sie den Kontinent mit frisch bedrucktem Papier
überschwemmen, um so die Konjunktur wieder ankurbeln zu können.
Eine Strategie übrigens, mit der Barack Obama seine Heimat an die
Wand fährt. Was sich nicht zuletzt daran ablesen lässt, dass die
Neuverschuldung des vergangenen Jahres zu 77 Prozent mit frisch
bedruckten Scheinen aus der US-Notenpresse bezahlt wurde. Mit Geld
also, das weder erwirtschaftet noch geliehen, sondern einfach
erfunden wurde.
Wie der Außenpolitik-Chef dieser Zeitung, Christian Ultsch, vor einer
Woche an derselben Stelle meinte, könnte also der ökonomisch
versierte Mitt Romney die bessere Wahl für die USA sein. Wenn auch im
Vergleich zu Barack Obama die weniger sympathische.
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