- 22.10.2012, 20:54:26
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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 23. Oktober 2012 von Christian Jentsch "Hoffnung zwischen den Fronten"
Innsbruck (OTS) - Utl.: Der Bürgerkrieg in Syrien droht auch dem
Frieden im kleinen multikonfessionellen Libanon den Garaus zu machen.
Doch das Pulverfass Libanon ist trotz aller Scharfmacher nicht
explodiert. Das Miteinander ist noch nicht Geschichte.
n der libanesischen Hauptstadt Beirut treffen sich Minirock und
Kopftuch, DJ und Islamist, Nobelkarosse und Eselskarren,
unvorstellbarer Luxus und beschämende Armut. Hier stehen Kirchen und
Moscheen Seite an Seite. Hier leben Angehörige verschiedenster
Religionen und Volksgruppen auf engstem Raum zusammen. Freilich, die
Narben des Bürgerkrieges, der von 1975 bis 1990 die einstige "Schweiz
des Nahen Ostens" in ein Trümmerfeld mit zumindest 150.000 Toten
verwandelt hatte, sind noch sichtbar. Doch sie werden übertüncht vom
Alltag, von einem Miteinander, das den in den Startlöchern stehenden
Scharfmachern noch Paroli bietet. Noch. Als der kleine Libanon,
flächenmäßig nur etwas größer als Kärnten, zum Spielball seiner
mächtigen Nachbarn wurde, endete das in einem Blutbad. Gräben wurden
aufgerissen, ein Religionskrieg entfacht. Nun droht sich die
Geschichte zu wiederholen. Der Bürgerkrieg im einstigen "Bruderland"
Syrien stellt den mühsam erarbeiteten Frieden auf eine harte Probe.
Die Schockwellen des Anschlags, bei dem der sunnitische
Geheimdienstchef Wissam Hassan durch eine Autobombe getötet wurde,
hat einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Demonstranten versuchten
den Regierungssitz zu stürmen. Denn die Hintermänner des Anschlags in
Beirut waren für die libanesische Opposition - eine Allianz aus
sunnitischen und christlichen Parteien, die sich selbst nicht über
den Weg trauen - schnell ausgemacht. Die Hintermänner sitzen in
Damaskus, hieß es. Schließlich galt Hassan im komplizierten
libanesischen Machtgefecht als Gegner des Regimes des syrischen
Präsidenten Bashar Assad. Und der Zorn richtet sich auch gegen die
schiitische Hisbollah, die als enger Verbündeter Assads gilt. Sie ist
einerseits Miliz und sitzt andererseits auch in der
Regierungskoalition in Beirut. Bisher hat die libanesische Regierung
freilich äußerst besonnen reagiert. Das Gemetzel in Syrien konnte das
Pulverfass Libanon noch nicht zur Explosion bringen. Und das, obwohl
sich die Auseinandersetzungen zwischen pro- und antisyrischen
Gruppierungen mehren. Während die sunnitischen Libanesen die
Rebellion in Syrien unterstützen, bleibt die schiitische Hisbollah
auf Seiten Assads. Doch man hat gelernt, sich zu arrangieren. Auch
mit den Christen, welche sich vor einem Erstarken der Islamisten
fürchten. Eines ist jedenfalls klar: Wer den Spaltpilzen auf den Leim
geht, stürzt den Libanon in den Abgrund. Doch noch ist das
Miteinander im Libanon nicht Geschichte.
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