• 08.10.2012, 15:55:16
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100 Jahre Anton Benya - Festveranstaltung im Parlament Er war "der Präsident"

Wien (PK) - Er wurde 1912 als Kind einer Arbeiterfamilie in Wien
geboren, erlebte zwei Weltkriege, den Zusammenbruch des
Habsburgerreichs, das soziale Elend der Zwischenkriegszeit, die Zeit
der Arbeitslosigkeit und das Scheitern der Ersten Republik. Er war
Elektromechaniker, kam als Lehrling zur Sozialdemokratie, war in zwei
Diktaturen gewerkschaftlich aktiv und wurde 1934 und 1937 politisch
inhaftiert. 1945 trat er in den ÖGB ein, wirkte maßgeblich am
Wiederaufbau der Republik mit, wurde 1956 in den Nationalrat, 1963
zum ÖGB-Präsidenten und 1971 zum Präsidenten des Nationalrates
gewählt. Er übte diese Ämter lange Jahre mit Erfolg aus, erlangte
Vertrauen über politische und gesellschaftliche Grenzen hinweg sowie
großes Ansehen in der Öffentlichkeit und wurde bald nur noch "der
Präsident" genannt. - Die Rede ist von Anton Benya, dessen Geburtstag
sich heute zum 100. Mal jährte. Aus diesem Anlass luden
Nationalratspräsidentin Barbara Prammer, Zweiter Präsident Fritz
Neugebauer und ÖGB-Präsident Erich Foglar heute gemeinsam prominente
Gäste zu einer Festveranstaltung in das Parlament. Ein Film sowie
eine Ausstellung unter dem Titel "Sein Weg" dokumentierten den
bemerkenswerten Lebensweg Benyas. Erich Foglar präsentierte auch die
von Nani Kauer im ÖGB-Verlag herausgegebene Festschrift "Anton Benya.
Der Vertrauensmann", die Beiträge von Zeitgenossen und Weggefährten
des großen Gewerkschafters und Politikers bietet.

Nationalratspräsidentin Barbara Prammer begrüßte Bundespräsident
Heinz Fischer und dessen Gattin Margit, Bundeskanzler Werner Faymann,
Mitglieder der Bundesregierung, ParlamentarierInnen,
Landeshauptleute, Präsidenten von Höchstgerichten sowie
RepräsentantInnen der Sozialpartner und erinnerte in sehr
persönlichen Worten an Anton Benya, der politisch viel bewegt und
vieles in der Entwicklung der Zweiten Republik zum Besseren gewendet
habe. Anton Benya ist ein "Baumeister der Republik", für den
"Solidarität" keine Worthülse gewesen sei, er habe diesen Wert
vielmehr selbst gelebt und von anderen entschieden eingefordert,
erinnerte sich Prammer. Benya sei auch ein Kämpfer gewesen, der es
zugleich verstanden habe, Kompromisse zu schließen, sagte Prammer.

Prammer: Große Fortschritte des Parlaments in der Zeit Anton Benyas

Zu den vielen Fortschritten, die ihr Amtsvorgänger für den
Nationalrat erreicht hat, zählte Präsidentin Prammer die
Geschäftsordnungsreform 1975, den Ausbau der Infrastruktur und die
Einrichtung des parlamentarisch-wissenschaftlichen Dienstes sowie die
Erweiterung der räumlichen Ressourcen des Parlaments. An
gesetzgeberischen Fortschritten in der Amtszeit Anton Benyas nannte
Prammer das Arbeitsverfassungsgesetz 1973, die Strafrechtsreform
1974, das UOG 1975, die Familienrechtsreform, die Einrichtung der
Volksanwaltschaft 1977 und das Gleichbehandlungsgesetz für die
Privatwirtschaft im Jahr 1979. "Anton Benya hat sich Zeit seines
Lebens für ein soziales und demokratisches Österreich eingesetzt",
schloss Präsidentin Prammer.

Faymann über die Aktualität der Erkenntnisse und Werte Anton Benyas

Bundeskanzler Werner Faymann würdigte die historischen Leistungen
Anton Benyas bei der Versöhnung zwischen den Klassen in Österreich,
beim Aufstieg der Arbeiterbewegung, der Entwicklung des
Wohlfahrtsstaates und der Sozialpartnerschaft als eines Systems des
Miteinanderredens sowie bei der Aussöhnung der Arbeiterschaft mit der
katholischen Kirche. Er war eine der großen Persönlichkeiten der
Zweiten Republik, sagte Faymann. Anton Benya sei es wichtig gewesen,
Arbeitsplätze zu schaffen und zu erhalten sowie darum zu kämpfen, das
gemeinsam Erwirtschaftete gerecht zu verteilen. Denn Anton Benya habe
aus persönlicher Erfahrung gewusst, wie negativ sich eine
Gesellschaft verändere, wenn hohe Arbeitslosigkeit herrsche und die
Menschen das Gefühl haben, es gehe nicht gerecht zu. In vielen
Ländern Europas herrsche derzeit hohe Arbeitslosigkeit und hohe
Jugendarbeitslosigkeit, sagte der Kanzler und wies darauf hin, dass
Österreich aktuell eine geringe Arbeitslosigkeit und die geringste
Jugendarbeitslosigkeit der EU verzeichne. "Der einzelne ist schwach,
miteinander sind wir stark", laute eine Erkenntnis Anton Benyas, die
man auch bei der Bewältigung der aktuellen Probleme in der
Europäischen Union wichtig sei, sagte der Bundeskanzler. Faymann wies
darauf hin, dass viele Menschen in Osteuropa noch mit sehr wenig Geld
auskommen müssen und die Arbeitslosigkeit in Südeuropa erschreckend
hoch sei. Große aktuelle Bedeutung habe auch Anton Benyas
Wertschätzung für eine gute Facharbeiterausbildung. Persönlich
würdigte Werner Faymann Anton Benya als einen bodenständigen Mann,
der klar gesprochen und für andere immer Respekt bekundet hat. "Das
sind Werte, mit denen er bis heute ein Vorbild für uns darstellt.

Leitl: Anton Benya ist heute ein Vorbild für uns alle

Auch der Präsident der Wirtschaftskammer Österreich, Christoph Leitl,
sah in Anton Benya eine Persönlichkeit, die auch heute Orientierung
geben könne. Österreich sei heute keine "Insel der Seligen" mehr und
habe weniger nationale Souveränität als zu Zeiten des Anton Benya.
Anton Benya würde aber sehr viel Freude damit haben, wie sich
Österreich entwickelt hat, zeigte sich Leitl überzeugt. Zur Zeit
Benyas wurden in Österreich 400.000 Arbeitsplätze geschaffen, seit
damals weitere 700.000 Jobs. Heute würde Anton Benya der
Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Österreich sowie der Flexibilität,
der Innovationskraft und der Ausbildung der jungen Menschen höchsten
Stellenwert beimessen, zeigte sich Leitl überzeugt.

Ihm habe Benya den Satz mit auf den Weg gegeben: "Die
Sozialpartnerschaft hat Österreich groß gemacht und ist ein Wert für
die zukünftigen Generationen", berichtete Leitl und fügte hinzu,
Benya hätte auch viel Freude mit dem großen Vertrauen gehabt, das die
Sozialpartnerschaft im heutigen Österreich genießt. Die
Problemlösungskraft der Sozialpartnerschaft unterstrich Präsident
Leitl auch im Hinblick auf die aktuellen europäischen Probleme und
sprach sich für die Mitwirkung der Sozialpartner an der Entwicklung
einer vertieften Zusammenarbeit an der Europäischen Union aus. Ohne
die Expertise der Sozialpartner wird eine vertiefte Zusammenarbeit in
Europa nicht möglich sein, meinte Leitl. Anton Benya war und ist ein
Vorbild. Bescheidenheit, Solidarität und Anstand haben ihn
ausgezeichnet. "Er war damals ein Vorbild für viele, heute ist er ein
Vorbild für uns alle."

Neugebauer: Wer miteinander lebt, muss miteinander reden

Der Zweite Präsident des Nationalrates, Fritz Neugebauer, berichtete
von persönlichen Begegnungen mit Anton Benya und teilte das Urteil
des Politologen Anton Pelinka, der Benya als "konservativen
Pragmatiker" bezeichnete. Benyas Grundsatz habe gelautet, "wer
miteinander leben will, muss auch miteinander reden". Neugebauer
bewunderte, wie sich Anton Benya in der Sprache selbst treu geblieben
sei, wie er es verstanden habe, sich einfach auszudrücken und
Probleme mit Hausverstand zu analysieren. Benya habe seine Funktionen
und Ämter mit einem "beamtenhaften Pflichtenbewusstsein" ausgeübt und
der Verlässlichkeit und der Pünktlichkeit hohen Wert beigemessen. Er
sei zu einer Inkarnation der Sozialpartnerschaft geworden und habe
sich auch in harten Verhandlungen immer bemüht, den Partner nicht das
Gesicht verlieren zu lassen. Fritz Neugebauer erzählte auch, was
"Handschlagqualität" bei Anton Benya bedeutet habe, wie sehr sich
Benya als Gewerkschafter für Fortbildung begeistern konnte und wie
wichtig ihm der Kontakt und das intensive Gespräch mit den
Betriebsräten gewesen sei. Anton Benya stehe in einer Reihe mit den
großen Persönlichkeiten der Zweiten Republik, schloss Zweiter
Präsident Neugebauer.

Edlinger: Das grün-weiße Herz Anton Benyas

Der Präsident des Sportklubs Rapid, ehemalige Finanzminister und
Parlamentarier, Rudolf Edlinger, beleuchtete eine andere Seite im
Leben Anton Benyas, nämlich dessen große Leidenschaft für den
Fußballsport. Anton Benya, in seiner Jugend selbst Fußballer, war
Zeit seines Lebens Anhänger und auch Präsident und schließlich
Ehrenpräsident des SK Rapid. An diesem Arbeiterfußballverein im
Westen Wiens hatte ihn immer der Kampfgeist imponiert, mit dem die
Mannschaft in den grün-weißen Dressen oft noch am Ende eines Matches
ein verloren geglaubtes Spiele in der berühmten "Rapid-Viertelstunde"
gewinnen konnte. Edlinger würdigte die Leistungen des Klubpräsidenten
Anton Benya für Rapid und hob dessen Großzügigkeit bei der
persönlichen Unterstützung des Vereins in schweren Zeiten hervor.

Foglar über den ersten Vertrauensmann der Nation

"Der Blick in die Vergangenheit hat nur dann einen Sinn, wenn er uns
hilft, die Aufgaben der Gegenwart zu bewältigen und Kräfte für die
Zukunft freizumachen", zitierte ÖGB-Präsident Erich Foglar seinen
Amtsvorgänger. Aus Benyas Wirken hob Foglar die Weiterentwicklung der
Arbeitsverfassung und die Verabschiedung des
Nachtschichtschwerarbeitsgesetzes und die Abschaffung der Lohngruppen
für Frauen in den Kollektivverträgen hervor. Foglar erinnerte an das
Credo des Gewerkschafters Anton Benya, Lösungen am Verhandlungstisch
herbeizuführen, den Konflikt aber, wenn nötig, nicht zu scheuen. Auch
Foglar unterstrich das Bemühen Benyas um eine tragfähige
Gesprächsbasis mit allen Verhandlungspartnern und betonte Benyas
Leistungen bei der Aussöhnung mit der katholischen Kirche, an seinen
Beitrag zur Fristenlösung und an sein Bemühen, Gräben zwischen dem
ÖGB und dem Bundesheer zuzuschütten. Anton Benya hat nicht zufällig
als "Betriebsrat der Nation" und als "Erster Vertrauensmann"
gegolten. Das Gespräch mit den Menschen sei ihm immer wichtig gewesen
und darin sei auch heute ein großes Vorbild. Für Anton Benya war es
ein großer Wert, in einer demokratischen Gesellschaft zu leben und
daher habe es immer als wichtig betrachtet, für die Demokratie und
gegen Faschismen aller Art anzukämpfen.

Für die musikalische Umrahmung der Feierstunde sorgten Karl Hodina
und Rudolf Koschelu mit alten, teils auch sozialkritischen
Wienerliedern, wie sie Anton geliebt und gerne selbst gesungen hat.
(Schluss)

Fotos von dieser Veranstaltung finden man auf der Homepage des
Parlaments im Fotoalbum.

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