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"Die Presse" Leitartikel: Schluss mit der Kirchendebatte: Aufruf zum Konzil-Gehorsam, von Dietmar Neuwirth
Ausgabe vom 06.10.2012
Utl.: Ausgabe vom 06.10.2012=
Wien (OTS/Die Presse) - Am Donnerstag jährt sich zum 50. Mal der
Beginn der größten Kirchenversammlung der Geschichte. Glocken sollen
läuten, Türen geöffnet werden. Und sonst?
Wir stehen am Anfang. Am Anfang des Anfangs. Auch 50 Jahre danach.
Nach der größten Kirchenversammlung, die die Welt je gesehen hat.
Tatsächlich, die Welt hat damals hingesehen. Das Interesse an den
Vorgängen im Petersdom, der 1962-1965 als Konzilsaula diente, war
riesig, zumindest jenes an den prächtigen Bildern der aberhunderten
Bischöfe und Kardinäle.
Am Donnerstag wird es also 50 Jahre her sein, dass der selige
Johannes XXIII. das Zweite Vatikanische Konzil eröffnete. Mit seiner
heute ebenso gültigen, fast ans rührend Naive grenzenden Warnung vor
"Unglückspropheten" - Monsignori, Exzellenzen und Eminenzen des
päpstlichen Hofes durften sich betroffen fühlen. Und dürfen es heute.
Denn die größten Feinde des Konzils sitzen nicht in irgendwelchen
mysteriösen anti-theistischen Kommunen, sondern innerhalb kirchlicher
Mauern. Nicht selten wird das Konzil verantwortlich gemacht für den
Niedergang kirchlichen Lebens, der sich in den Rückgängen der Zahl
der Priester in Europa (nicht weltweit), der Zahl der Mitfeiernden an
der Messe manifestiert - bei gleichzeitiger Zunahme der Kritik an
Rom.
Im deutschsprachigen Raum ist diese Lust am Widerspruch besonders
ausgeprägt. Erinnerungen an die Jahrzehnte vor dem Konzil werden
wach. Auch damals wurden Reformen gerade in Österreich und
Deutschland vorbereitet. Der Klosterneuburger Chorherr Pius Parsch
feierte trotz römischer Zurechtweisungen Messen in deutscher Sprache,
als dies noch fast als Sakrileg galt. Und heute? 50 Jahre später? Was
sind in der Kirchengeschichte schon läppische 50 Jahre! Und doch: Was
hat sich in der(selben) Kirche nicht alles geändert. Liturgie in der
Volkssprache, Bekenntnis zum Dialog auf Augenhöhe anstelle eines
Verdammens von oben herab, Ja zum Dialog mit der Gesellschaft, den
andern Kirchen, Religionsgemeinschaften, Atheisten. Wiederentdecken
der Laien, die - wörtlich - "zum heiligen Priestertum geweiht" sind.
Zuwendung zu den Juden, die nicht länger als "Gottesmörder"
denunziert werden dürfen. Und, und, und. Das alles kann auch bei
schlechtestem Willen nicht revidiert werden. Papst Benedikt XVI. wird
morgen, Sonntag, eine große Bischofssynode im Gedenken an das Konzil
eröffnen, die unter dem Thema "Neuevangelisierung" steht. Am
Donnerstag wird ein "Jahr des Glaubens" eingeläutet. In Österreich
verordnen die Bischöfe ein Öffnen der Türen der Kirchen des Landes an
diesem 11. Oktober zumindest zur Mittagszeit. Symposien und andere
gut gemeinte Aktionen folgen. Aber wo bleibt das große Zeichen dafür,
dass die Zeichen der Zeit verstanden werden, wie es die
Konzilsteilnehmer formuliert hätten?
Möglichkeiten gebe es genug: Wie wäre es damit, einmal für ein Jahr
alle kircheninternen Debatten über Struktur-, Ämter- und
Disziplinarfragen ruhend zu stellen? Sich selbst zu einer Art
Schweigegelübde zu verpflichten? Und stattdessen nicht nur die
Konzilstexte zu studieren, sondern vor allem den Einsatz in der
Gesellschaft zu forcieren. Hier heute und jetzt. Wo bleibt, um nur
ein Beispiel zu nennen, der Beitrag der katholischen Kirche - von
rühmlichen Ausnahmen abgesehen - um einen echten Dialog mit der
anderen großen monotheistischen Religion, dem Islam, zu versuchen? So
schwierig das aus vielerlei Gründen ist. Wo bleibt der Einsatz gegen
Korruption, fortgesetzte Verlotterung der politischen Sitten und den
nicht unproblematischen Verlust des Interesses an demokratischen
Wahlen. Auch der Einsatz der Kirche für soziale Nöte kann nicht an
eine noch so erfolgreiche Zweigstelle, wie es die Caritas ist,
delegiert werden.
Nicht nur die Kirche muss sich der Welt (was für ein fast vorkonzilar
anmutendes Gegensatzpaar) in Wort und Tat verständlich machen.
Verständlich machen in einer Sprache, mit Bildern, Formen des
Feierns, Betens (!) und einer "Körperhaltung", die State of the Art
ist. Verständlich machen mit ihren Botschaften, Verheißungen, mit dem
jahrhundertealten Schatz an Tradition, Riten und Wissen über den
Menschen. Voraussetzung dafür ist: Die Kirche muss sich einmal die
Welt selbst verständlich machen. Die Kirche steht am Anfang des
Anfangs.
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