- 26.09.2012, 18:32:38
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"Die Presse"-Leitartikel: Sichere Pensionen? Wir Jungen glauben das nicht mehr, von Jakob Zirm
Ausgabe vom 27.9.2012
Utl.: Ausgabe vom 27.9.2012=
Wien (OTS/Die Presse) - Politische Schönfärberei kann die Fakten der
Pensionsarithmetik nicht entkräften. Das Glück der Systembewahrer
ist, dass viele Junge bereits resigniert haben.
Die Pensionen sind sicher. Dieser Satz dürfte in der Hitparade der
meistgebrauchten Politlügen einen Spitzenplatz ergattern - weltweit,
aber vor allem in Österreich. Denn wer sich die Fakten der
Pensionsarithmetik ansieht, kann über die politische Schönfärberei,
wie sie von Regierungsmitgliedern, Pensionistenvertretern oder
Gewerkschaftern seit Jahren betrieben wird, nur den Kopf schütteln.
100 Tage steigt pro Jahr im Schnitt die Lebenserwartung der
Österreicher. Grundsätzlich ist das ein Grund zur Freude. Allerdings
wird dadurch sukzessive das Pensionssystem aus den Angeln gehoben.
Denn der Pensionsantritt wird an die steigende Lebenserwartung nicht
angepasst. Im Gegenteil. Gingen in Österreich die Menschen in den
1970er-Jahren im Schnitt noch mit über 61 Jahren in Pension, treten
sie heutzutage bereits mit rund 59 Jahren ihren Ruhestand an. In nur
zwei Ländern der OECD gehen die Einwohner noch früher in Pension.
Statt der 15 Pensionsjahre wie in den 1970ern ergibt sich heute ein
Zeitraum von 25 Jahren, in denen der durchschnittliche Bürger dieses
Landes für sein Einkommen nicht mehr selbst sorgt, sondern es per
Umlageverfahren von den Jüngeren bezahlt bekommt.
Als wäre diese Entwicklung nicht schon Problem genug für das
Pensionssystem, sinkt gleichzeitig auch die Zahl der Erwerbstätigen,
während jene der Pensionisten steigt. Grund hierfür ist die seit
Jahren geringe Fertilitätsrate. So bekommen die Österreicherinnen im
Schnitt nur 1,4 Kinder. Um die Bevölkerungszahl konstant zu halten,
wären aber zumindest zwei Kinder pro Frau notwendig.
Natürlich ist die Frage, ob und wie viele Kinder jemand bekommt, eine
höchstpersönliche Lebensentscheidung. Gleichzeitig lässt sich mit dem
Verweis auf diesen Umstand aber nicht die Realität der Demografie
außer Kraft setzen. Und diese lautet vereinfacht gesagt: Da die
Generation der Baby-Boomer weniger Kinder als ihre eigenen Eltern
bekommen hat und länger leben wird, müsste sie auch wesentlich später
in Pension gehen.
Das tut sie aber nicht. Und deshalb kommt das Pensionssystem
zunehmend in eine bedrohliche Schieflage. So wird der Zuschuss des
Bundes zu den Pensionen in den zehn Jahren zwischen 2006 und 2016 um
fast 40 Prozent auf nahezu 20 Milliarden Euro angestiegen sein, wie
der Rechnungshof in seiner Kontrolle der Finanzplanung der Regierung
jüngst vorgerechnet hat. Somit würde 2016 bereits jeder vierte
Steuer-Euro in das Pensionssystem fließen - zusätzlich zu den
Beiträgen der Versicherten wohlgemerkt.
Wird diese Entwicklung ohne ernsthafte Reformen so fortgeschrieben,
muss das System zwangsläufig im nächsten oder übernächsten Jahrzehnt
kollabieren. Zu diesem Zeitpunkt werden die jungen Erwerbstätigen von
ihrem eigenen Pensionsantritt aber noch weit entfernt sein. Sie
werden, wie die Verlierer in einem Pyramidenspiel, eingezahlt haben,
ohne je etwas herauszubekommen.
Die professionellen Verteidiger des Systems argumentieren ob dieser
Fakten gern damit, dass ja nicht das gesetzliche, sondern das
tatsächliche Pensionsantrittsalter entscheidend sei. Und da ältere
Arbeitnehmer keine Chance auf dem Arbeitsmarkt hätten, wäre es
unfair, sie in die Arbeitslosigkeit statt in die Pension zu
entlassen. Doch wie soll das Thema eines notwendigen Arbeitsmarkts
für Ältere je ernst diskutiert werden, wenn jene, die es betrifft -
ältere Arbeitnehmer und Arbeitgeber -, mittels Pensionierungen die
Kosten des Problems einfach auf die Jüngeren abwälzen?
Hinzu kommt, dass die politischen Vertreter der Jungen den absehbaren
Kollaps des Pensionssystems meist nicht nur ignorieren. Sie gehen
mitunter sogar fahnenschwingend auf die Straße um gegen Reformen zu
demonstrieren. Dass die große Mehrheit der Jungen das Ganze
anscheinend schweigend hinnimmt, hat jedoch nicht nur mit mangelndem
Interesse zu tun, wie häufig konstatiert wird. Viele haben angesichts
der politischen Übermacht der Älteren einfach resigniert - und
rechnen nur mehr mit ihrer privaten Vorsorge. Kein gutes Zeichen für
eine Demokratie.
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