TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 23. September 2012 von Christian Jentsch "Die Empörung und die Zweifel"

Während Präsident Assad in Syrien massenweise Sunniten abschlachtet, wird der Zorn gegen den Westen entfacht.

Innsbruck (OTS) - Der "Kampf der Kulturen" scheint wieder voll entbrannt zu sein. Seit über einer Woche ist die islamische Welt in Aufruhr. Entzündet hat sich die Protestwelle an einem in den USA produzierten Mohammed-Schmähfilm und Karikaturen, die zusätzlich Öl ins Feuer gossen. Von Tunis über Kairo bis nach Kabul ging ein wütender Mob auf die Straße. Westliche Botschaften gingen in Flammen auf, Menschen wurden getötet, darunter auch der US-Botschafter in Libyen. Die Arabische Revolution scheint in der Sackgasse gelandet zu sein. Der Volkszorn richtet sich scheinbar nicht mehr gegen Despoten, die ihr eigenes Volk terrorisieren, sondern vielmehr gegen den unbestimmten Feind da draußen. Ein stümperhafter Mohammed-Schmähfilm sorgt für ein Echo, dass nicht nur im Westen Angst und Schrecken verbreitet.
Doch es kommen Zweifel auf. Zweifel, ob wirklich die breite Masse die Protestwelle trägt. Oder ob die Demonstranten nicht vielmehr von ganz wenigen Eiferern angestachelt und instrumentalisiert werden. Es riecht schlicht und einfach nach billiger Propaganda. Während ein gewisser Herr Bashar Assad in Syrien Tausende Sunniten brutal abschlachten lässt und Panzer sowie Kampfflugzeuge ganz bewusst Moscheen ins Visier nehmen, soll ein absurder Schmähfilm den Volkszorn in der islamischen Welt entfachen. Warum hat die Rebellion gegen Diktator Assad also nicht zu großen Solidaritätskundgebungen in der arabischen Welt geführt? Syriens Diktator hat es schließlich in erster Linie auf die sunnitische Bevölkerungsmehrheit in Syrien abgesehen - jenseits aller Verschwörungstheorien, die den Westen für alles verantwortlich machen. Doch sein Tun bleibt ungesühnt, vor allem in der arabischen Welt. Wo bleibt da die große Empörung?

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