DER STANDARD - Kommentar "Lernziel Entschleunigung" von Conrad Seidl

Anschobers Burnout sollte Anlass sein, über Inhalt und Tempo der Arbeit zu reden - Ausgabe vom22./23. September 2012

Wien (OTS) - Ist das eigentlich Arbeit? Eine Besprechung hier. Ein kurzer Auftritt in einer Sitzung da - möglicherweise ohne Wortmeldung. Eine Pressekonferenz zur Selbstdarstellung. Ein Mittagessen mit anderen Leuten, die sich für ähnlich wichtig halten. Zwei, drei Termine in irgendwelchen Gemeinden. Händeschütteln. Den angebotenen Schnaps ablehnen, ohne unhöflich zu wirken. Vielleicht auch noch die Trachtenkapelle dirigieren. Bieranstich hier, Weinkost da - und anschließend ein bisserl was lesen, ein bisserl was schreiben. Zwischendurch ein Nickerchen im Dienstwagen. Oder besser doch: Vorbereiten für den nächsten Tag, mit ähnlichem Programm? Das ist Politikeralltag. Das ist das, was Bürger erwarten. Wehe, wenn der Herr Landesrat nicht beim Bieranstich vorbeischaut, wehe, wenn er bei der Weinkost zu früh geht. Dieselben Leute, die den Herrn Politiker / die Frau Politikerin unbedingt beim großen Termin in ihrer kleinen Gemeinde dabei haben wollen, fragen nachher am Stammtisch, ob "die da oben" nicht lieber mehr arbeiten sollten. Wer sein Geld an der Supermarktkassa oder am Bau verdient, fragt sich ja überhaupt, ob Politikeralltag überhaupt Arbeit ist.
Diese Frage ist auch am virtuellen Stammtisch im Internet immer wieder gestellt worden, nachdem die Nachricht vom Burnout des Grünen-Landesrats Rudi Anschober publik geworden ist: Zahlen wir unsere Politiker nicht für etwas ganz anderes?
Theoretisch ja. Man hätte lieber "Sachpolitik" - auch wenn niemand genau sagen kann, was das eigentlich sein soll. Irgendwie billiger soll das sein - denn es hält sich ja hartnäckig das Gerücht, dass Politiker in Geld schwimmen und Privilegien genießen.
Daran sind sie zu einem guten Teil selber schuld: Wenige Politiker haben es gewagt, darauf hinzuweisen, dass sie für die Zeitbelastung und für die psychische Belastung eigentlich wenig bezahlt bekommen. Gierig würden sie genannt werden. Von Alfred Gusenbauer ist noch in Erinnerung, dass er über "das übliche Gesudere" gestöhnt hat - gut ist ihm diese Ehrlichkeit nicht bekommen. So wenig es einem Politiker gut bekommen würde, all die viert-, dritt- und zweitwichtigsten Termine aus seinem Kalender zu streichen. Überheblich würde er genannt.
Also machen alle weiter. Lassen sich hetzen - auch von den Medien, die gerne schon heute berichten würden, was morgen vorgeschlagen, übermorgen beschlossen und dann doch nach journalistischem Zeitverständnis viel, viel zu spät umgesetzt wird.
Wenn sich in der Politik alles scheinbar immer schneller dreht, wirkt sich das auch im Rest der Gesellschaft aus. Mehr gehetzte, zu wenig überdachte Entscheidungen in der Politik verstärken denselben Mechanismus in der Wirtschaft, im Alltag.
Der Grüne Rudi Anschober war jahrelang einer, der für die Sache, die er für gut hält, immer schneller, immer länger, immer weiter unterwegs war. Er hat plötzlich erkannt, dass ihm das nicht gutgetan hat, er hat als erster österreichischer Politiker das Problem des Burnout angesprochen.
Das ist mutig. Das ist auch politisch. Denn sehr viele Menschen an weniger exponierten Arbeitsplätzen leiden still und unbemerkt unter massivem Druck. Entschleunigung war einmal ein Ziel grüner Politik. Dass Anschober die Idee für sich in Anspruch nimmt, ist konsequent. Dass die Grünen daraus allgemeine Lehren ziehen, wäre es auch.

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