- 20.09.2012, 17:57:12
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"Die Presse" Leitartikel: Zeiten des Aufruhrs oder: Being Werner Faymann, von Hanna Kordik
Ausgabe vom 21.09.2012
Utl.: Ausgabe vom 21.09.2012=
Wien (OTS/Die Presse) - Der Kanzler versteht es, die Öffentlichkeit
für sich zu vereinnahmen. Wohl deshalb fällt keinem auf, dass er sich
bei der Inseratenaffäre in Widersprüche verstrickt.
Wie es Werner Faymann in diesen Tagen wohl so geht? Schwer zu sagen.
Die "Gegebenheiten" sind natürlich alles andere als angenehm - die
Inseratenaffäre verfolgt ihn auf Schritt und Tritt: bei den
ORF-"Sommergesprächen", in den Zeitungskommentaren, im Parlament, auf
der Straße. Ein Land im Aufruhr. Und Werner Faymann? Der lächelt.
Dauernd. Überall.
Dies zu interpretieren überlassen wir den Experten. Samy Molcho zum
Beispiel, dem Doyen der Mimik und Gestik. Eine laienhafte Bemerkung
sei dennoch gestattet: Werner Faymann gebührt größter Respekt. So
einen Marathon im Dauerlächeln muss man einmal durchhalten. Das
schafft nicht jeder.
Doch Werner Faymann kann noch viel mehr. Nennen wir ihn ruhig ein
politisches Naturtalent. Worin dieses besondere Talent besteht, hat
er eindrucksvoll in seiner Zeit als Verkehrsminister bewiesen: Jedes
Mal, wenn es stimmungstechnisch für ihn ungemütlich wurde - etwa,
weil er politisch unliebsame ÖBB-Vorstände oder Asfinag-Chefs mit
großzügigen Abfindungen entsorgen ließ -, schaffte Faymann es, im
Endeffekt als Strahlemann dazustehen. Der Trick ist nicht sonderlich
originell, aber besonders wirksam: Unmittelbar nach, sagen wir,
diskutablen Vorgängen in seinem Ressort wurde stets eine Jubelmeldung
über die Bahn, den Straßenverkehr oder Ähnliches an die Medien
versandt. Und plötzlich war die Öffentlichkeit mit einem anderen
Thema beschäftigt. Manipulation nennt man das im allgemeinen
Sprachgebrauch. Also gezielte und verdeckte Einflussnahme. Zum
eigenen Vorteil, versteht sich.
Manipulativ zu sein erfordert also - wie unschwer zu erkennen ist -
keine überbordende Intelligenz. Aber geschickt sollte man sein. Und
das ist Werner Faymann zweifellos.
So geschickt, dass er seine Aussagen zur Inseratenaffäre mit der Zeit
völlig geändert hat - ohne dass dies einer breiten Öffentlichkeit
aufgefallen wäre. Chapeau! Still und leise hat er einen ordentlichen
Schwenk im Kommentieren der damaligen Ereignisse vollzogen. Zug um
Zug, fein dosiert.
Ein Blick ins Archiv ist da recht aufschlussreich. Vor ziemlich genau
einem Jahr tönte Faymann noch zu den Vorwürfen, er habe bei ÖBB- und
Asfinag-Inseraten im Hintergrund die Fäden gezogen: "Das ist ein
Unsinn und erledigt." Und sein früherer Kabinettschef und nunmehriger
Staatssekretär Josef Ostermayer assistierte brav: Natürlich habe es
immer wieder Gespräche mit dem Management von ÖBB und Asfinag
gegeben. Ob es dabei auch um Inserate gegangen sei? Er könne sich
"nicht mehr an jedes Detail der Gespräche erinnern", sagte
Ostermayer.
Zwei Wochen später stellte sich die Sache um eine Nuance anders dar.
"Bitte, es gibt jeden Tag Kontakte zwischen dem zuständigen
Ministerbüro und den betroffenen Unternehmen", sagte Faymann. Und:
"Die Gesprächsthemen reichen von den Fahrplänen bis zur
Imagewerbung." Funktioniert ja doch, das Erinnerungsvermögen.
Schnitt, ein Jahr später. Faymann musste am Mittwoch dem Nationalrat
Rede und Antwort stehen und bot folgende Version: Seine
Selbstbeweihräucherung in den ÖBB-Inseraten sei in Abstimmung mit ihm
von seinem Büro formuliert worden. Oha! Was wurde aus dem
seinerzeitigen "Unsinn"?
Schnee von gestern, offenbar. Denn am Dienstag, nach dem Ministerrat,
erklärte Faymann hochoffiziell: "Ich bin wahrlich nicht das einzige
Regierungsmitglied in der Geschichte, in der Gegenwart und in der
Zukunft, das für Inserate verantwortlich war." Für Inserate
verantwortlich? Das ist neu. Und ziemlich aufschlussreich.
Solch mit der Zeit diskret adaptierte Wortspenden mögen bei der
Öffentlichkeit "reingehen". Beim Untersuchungsausschuss eher nicht.
Kein Wunder, dass der Kanzler eine panische Angst vor ihm hat. Also
geht er erst gar nicht hin. Außerdem hat er Wichtigeres zu tun: Seit
einigen Tagen erklärt er bei jeder Gelegenheit, wie wichtig Inserate
doch für die Wirtschaft seien.
Merke: Da bastelt jemand wieder an seinem Strahlemann-Image.
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