• 16.09.2012, 18:20:37
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"Die Presse"-Leitartikel: Was Kommunisten und Salafisten gemein haben, von Michael Laczynski

Ausgabe vom 17.9.2012

Utl.: Ausgabe vom 17.9.2012=

Wien (OTS) - Sowohl der islamistische Mob als auch Chinas
Japan-Hasser verlangen von ihren Feinden den Kotau. Unterschied: In
Peking wird kühl kalkuliert, im Nahen Osten nicht.

Deng Xiaoping war gestern. "Auf Zeit spielen und die eigene Stärke
verstecken", lautete das Motto des langjährigen Lenkers der
Volksrepublik. Chinas Rückkehr in die erste Liga der internationalen
Politik sollte auf Samtpfoten erfolgen, ohne die Nachbarn zu
verschrecken und Gegenwehr zu provozieren. Deng, der nach dem Tod von
Mao Tse-tung die Macht in China übernommen hatte, war ein Meister des
pragmatischen Understatements: Er wollte den Aufstieg Chinas so lange
herunterspielen, bis dieser sich von allein manifestiert und von
allen Beteiligten als selbstverständlich - ja sogar unumgänglich -
akzeptiert wird. Ein Betriebswirt würde an dieser Stelle von
"organischem Wachstum" sprechen.

Doch organisch ist an den jüngsten chinesischen Muskelspielen nichts
mehr. Statt eines sanften Lächelns bietet Peking seinen Nachbarn
neuerdings die hasserfüllte Fratze. In den Straßen der chinesischen
Metropolen brennen japanische Autos, der "Hi no Maru", Japans
rot-weißes Sonnenwappen, wird mit Füßen getreten, die Botschaft in
Peking mit Eiern beworfen. Die Anrainerstaaten des Südchinesischen
Meeres, das China in seiner Gesamtheit für sich beansprucht, werden
eingeschüchtert und die USA, die im pazifischen Raum seit Jahrzehnten
für Ruhe und Ordnung sorgen, als unliebsamer Eindringling
verunglimpft. So ziemlich die Einzigen, die in den vergangenen
Monaten in Peking keine Watschen kassiert haben, sind die Taiwanesen
- aber das ist ein eigenes Kapitel.

Die aktuellen antijapanischen Entgleisungen sind in der Hinsicht ein
Paradebeispiel: Der eigentliche Anlass - ein seit Jahren
niedertourig geführter Streit um die Senkaku-Inseln, ein
gottverlassenes Atoll auf halbem Weg zwischen Taipei und Okinawa -
dient wie in den anderen Fällen als Ventil zur Entladung der von den
kommunistischen Machthabern eifrig geschürten nationalistischen
Emotionen. Wer das Bildmaterial von den Demos gegen Japan betrachtet,
kommt nicht umhin, Parallelen zu den Bildern aus dem Nahen Osten zu
bemerken. Auch bei den antiamerikanischen Protesten geht es um
verletzten Stolz. Und der islamistische Mob fordert ebenso wie die
chinesischen Japan-Hasser von ihrem Feind den Kotau. Die einzige
Möglichkeit, diesem vermeintlich gerechten Zorn zu entkommen, ist die
totale Unterwerfung.

Zwischen den Salafisten und den Kommunisten gibt es allerdings einen
entscheidenden Unterschied: Im Nahen Osten meint man es bitterernst,
während in Peking in erster Linie kühl kalkuliert wird. Die Proteste
gegen Japan werden wohl so lange fortgeführt, solange sie für die
Volksrepublik vorteilhaft erscheinen. Und wenn dies nicht mehr der
Fall sein sollte, wird die omnipräsente chinesische Exekutive rasch
zur Stelle sein, um die Lage unter Kontrolle zu bringen.

Das Problem ist nur, dass die Außenwelt die Variablen dieser
innerchinesischen Kosten-Nutzen-Rechnung nicht kennt, was die Gefahr
einer Fehlkalkulation erhöht. Und es gibt auch keine brauchbare
Blaupause, wie mit dem rasanten Aufstieg einer Macht von Chinas
Format umzugehen ist. Der letzte annähernd vergleichbare Fall war das
wilhelminische Deutsche Reich im Zeitraum 1890 bis 1914 - und wie
diese Geschichte ausgegangen ist, braucht an dieser Stelle nicht
näher erläutert werden.

Doch zurück nach Peking. Nach jetzigem Wissensstand gibt es zwei
mögliche Erklärungen für das Säbelrasseln. Deutung Nummer eins: Die
Proteste wurden geschürt, um vom krankheitsbedingten Verschwinden von
Xi Jinping abzulenken. Wenn dem so sein sollte, spräche die Tatsache,
dass der designierte Nachfolger von Staats- und Parteichef Hu Jintao
nach zweiwöchiger Abwesenheit am Wochenende wieder gesichtet wurde,
für ein baldiges Ende der Demos.

Es gibt aber auch eine zweite Möglichkeit, die Ereignisse zu deuten:
Demnach stecken Revanchisten innerhalb der Volksbefreiungsarmee
hinter den Protesten, die die Unordnung im Vorfeld der für den Herbst
avisierten politischen Wachablöse dafür nutzen wollen, die Weichen
auf Konfrontation mit dem Erbfeind Japan zu stellen. Sollte dieser
Erklärungsansatz zutreffend sein, wäre Deng Xiaopings Doktrin
endgültig Makulatur.

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