- 14.09.2012, 18:34:53
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"Die Presse" - Leitartikel: Verteidigen wir doch das Recht, andere beleidigen zu dürfen!, von Franz Schellhorn
Ausgabe vom 15.09.2012
Utl.: Ausgabe vom 15.09.2012=
Wien (OTS) - Der skandalöse Film "Innocence of Muslims" zeigt
ziemlich eindrucksvoll, was die Europäer unter Meinungsfreiheit
verstehen. Viel ist es nicht.
Irgendwie darf man heilfroh darüber sein, dass Hillary Clinton nicht
Außenministerin der (noch imaginären) "Vereinigten Staaten von
Europa" ist, sondern jene der "Vereinigten Staaten von Amerika".
Nachdem nämlich in der libyschen Hafenstadt Bengasi ein aufgebrachter
Mob dem Leben von US-Botschafter Christopher Stevens und drei seiner
Mitarbeiter ein jähes Ende gesetzt hatte, weil ein aus den USA
stammender Videoclip die Gefühle aller Muslime verletze, fragte
Clinton: "Wie konnte das in einem Land geschehen, dem wir zur
Befreiung verholfen hatten? In einer Stadt, die wir vor der
Zerstörung bewahrt hatten?"
Die für Europa relevante Frage wäre freilich nicht, warum sich einige
Libyer so undankbar gegenüber ihren Befreiern aus den USA zeigen.
Interessant zu wissen wäre, wie es eigentlich möglich ist, dass nach
dem Anschlag nicht reihenweise europäische Spitzenpolitiker und
namhafte Intellektuelle aufgestanden sind, um das Recht auf
Veröffentlichung des provokanten Anti-Islam-Streifens mit aller
Vehemenz zu verteidigen.
In aufgeklärten Rechtsstaaten gibt es nämlich nicht nur den Schutz
vor Diskriminierung, sondern auch so etwas wie ein geschütztes Recht,
beleidigen zu dürfen. Es heißt zwar nicht so, sondern nennt sich
Freiheit der Kunst oder Recht auf "Meinungsfreiheit". In westlichen
Zivilisationen kollidiert dieses Recht erst dann mit dem Respekt vor
religiösen Gefühlen, wenn das die Gerichte so sehen.
Das scheint in Europa gern vergessen zu werden. Wäre der besagte
Anti-Islam-Streifen also auf dem Gebiet der Europäischen Union
gedreht worden, hätte sich die diplomatische Elite des Kontinents
nicht lange mit Grundsatzfragen aufgehalten. Sie wäre umgehend zur
Tat geschritten, um Abbitte für ihre etwas großzügige Auslegung des
Rechts auf Meinungsfreiheit zu leisten.
So, wie das auch zu Beginn des Jahres 2006 der Fall war, als sich
ganz Europa dafür entschuldigte, dass die dänische Zeitung "Jyllands
Posten" ihren Lesern zwölf Mohammed-Karikaturen vorgesetzt hatte.
Ohne auch nur eine der Zeichnungen je zu Gesicht bekommen zu haben,
setzten sich weltweit Millionen von Muslime in Bewegung, um gegen den
Angriff auf ihre religiösen Gefühle zu protestieren und dänische
Botschaften abzufackeln. Das politische Europa ließ - wie auch die
Mehrheit der Medien - Verständnis für die spontanen Zornesausbrüche
erkennen. Statt eine flächendeckende Veröffentlichung der Zeichnungen
in ganz Europa einzufordern. Denn nur so hätten sich die Betrachter
selbst ein Bild darüber machen können, wie geschmacklos oder harmlos
die Karikaturen denn nun wirklich waren.
Auch heute werden die Gewalttäter in Europa verstanden. So
kommentierte die "Süddeutsche Zeitung" den Mord an drei US-Diplomaten
am gestrigen Freitag folgendermaßen: "Es ist müßig, hier nach Tätern
und Opfern zu unterscheiden. Diesmal ging die Provokation von
amerikanischen Extremisten aus, islamistische Fanatiker haben sie
angenommen und nicht minder radikal zurückgezahlt." Auf so etwas muss
man erst einmal kommen. Das wäre so, als wäre man im Fall einer
geglückten Ermordung von Salman Rushdie zu dem Schluss gekommen,
dieser hätte sich ja wohl denken können, dass seine "Satanischen
Verse" bei seinen Glaubensbrüdern zu etwas radikaleren Reaktionen
führen könnten.
Während man also in München die wahren Täter von Bengasi längst
entlarvt hat, verkriecht sich das intellektuelle Europa hinter einer
ästhetischen Debatte, indem die künstlerische Ausführung des
Anti-Islam-Films besprochen wird. Als ob es da etwas zu besprechen
gäbe. Der Film ist indiskutabel. Ästhetisch wie inhaltlich. Und die
Sache wäre ja wohl nicht besser, wenn sich dahinter ein
künstlerisches Meisterwerk versteckte, oder? Entscheidend ist nicht,
ob der Streifen gut oder schlecht gemacht ist. Entscheidend ist, dass
Europa zu Beginn des dritten Jahrtausends kaum eine Gelegenheit
verstreichen lässt, das Grundrecht auf Meinungsfreiheit einer höchst
fragwürdigen politischen Korrektheit zu opfern. Oder wie schon Mark
Twain sagte: "Wir schätzen die Menschen, die frisch und offen ihre
Meinung sagen - vorausgesetzt, sie meinen dasselbe wie wir."
Dabei war Mark Twain noch nicht mal Europäer. Sondern Amerikaner.
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