- 13.09.2012, 18:38:28
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"Die Presse" - Leitartikel: Meinungsfreiheit, ein dummer Film und die bizarre Reaktion, von Wieland Schneider
Ausgabe vom 14.09.2012
Utl.: Ausgabe vom 14.09.2012=
Wien (OTS) - Die Amerika-Feinde in den arabischen Ländern haben neue
Munition erhalten. Durch einen Streifen, der eigentlich auf den
Schrotthaufen der Bedeutungslosigkeit gehört.
Es ist nur ein bizarrer Film. So schlecht gemacht, dass kurz das
Gefühl aufkommt, er sei nicht nur unfreiwillig komisch, sondern
absichtlich als Parodie angelegt. Eigentlich sollte er so wie
hunderttausende ähnliche Streifen auf dem Schrotthaufen der
Bedeutungslosigkeit sein Ausgedinge finden. Doch das Filmchen wurde
gleichsam zum Kern einer medialen und diplomatischen Atombombe, die
über die gesamte Welt ihre Schockwellen aussendet. Nach Ägypten und
Libyen erreichten sie nun Tunesien, den Jemen, den Iran und
Afghanistan, wo aus Sicherheitsgründen YouTube gesperrt wurde, damit
niemand den Trailer des Trash-Movies sehen kann - offenbar
nachsynchronisierte Aufnahmen, in denen der Prophet Mohammed
verunglimpft wird.
Eine Beleidigung des Propheten ist für gläubige Muslime besonders
schmerzhaft. Der Widerpart zum Schutz vor Kränkung ist freilich die
Meinungsfreiheit, die selbst für Schund und Schwachsinn gilt. Doch
dieser Meinungsfreiheit wird auch in westlichen Ländern Grenzen
gesetzt - auch, wenn es um religiöse Belange geht. So stellt in
Österreich die Herabwürdigung religiöser Lehren einen Straftatbestand
dar, für den man bis zu sechs Monate Gefängnis ausfassen kann.
Wirklich exekutiert wird das in voller Schärfe aber selten.
Im komplizierten Spannungsfeld zwischen Freiheit von Meinung und
Kunst auf der einen und Verletzung religiösen Empfindens auf der
anderen Seite wird das Gut der Freiheit meist höher bewertet. Den
Strafrichter versucht man, so weit es geht, außen vor zu lassen. Und
das ist auch gut so. Wer sich verunglimpft fühlt, hat - wie auch in
nicht religiösen Angelegenheiten - die Möglichkeit, sich
zivilrechtlich wehren.
So amüsierten sich in ganz Europa Millionen Zuseher ungehindert über
den Monty-Python-Kultfilm "Das Leben des Brian", eine Parodie über
das Wirken Jesu. Haderers Cartoons über das "Leben des Jesus" lösten
zwar einen Proteststurm aus. In Griechenland wurde der Karikaturist
in Abwesenheit zu einer Haftstrafe verurteilt. In Österreich blieb
der Comic aber in den Regalen der Buchhandlungen. Und weitaus härtere
Beiträge zum Thema Religion wie Ulrich Seidls neuer Film "Paradies:
Glaube" erhielten in Venedig einen Preis.
Aus künstlerischer Sicht und hinsichtlich der dahinterstehenden
Absicht ist Seidls Film mit dem schwachsinnigen Mohammed-Machwerk aus
den USA in keiner Weise vergleichbar. Aber auch er verletzt offenbar
religiöse Gefühle: Eine katholische Vereinigung in Italien erstattete
gegen den Regisseur Anzeige wegen Blasphemie. Das mag bereits bizarr
erscheinen. Man stelle sich aber nur eine Sekunde lang vor, ein
wütender Mob hätte wegen Seidls Film Österreichs Botschaft in Rom
abgefackelt und den Botschafter umgebracht.
Im libyschen Bengasi brannte die US-Vertretung, und der Botschafter
verlor sein Leben. Wegen des Mohammed-Streifens, für den die gesamte
USA in Geiselhaft genommen wird. Wie gekränkt auch immer sich jemand
fühlen mag: Das ist völlig inakzeptabel.
Die "Verletzung religiöser Gefühle" ist aber nur eine der
Ingredienzien, die die Wut speisen. Dahinter liegt noch eine zweite,
eine politische Ebene. Auch wenn US-Präsident Obama in den
vergangenen Jahren in Reden versucht hat, eine Brücke zur
"islamischen Welt" (was immer er angesichts deren Inhomogenität
darunter verstehen mag) zu schlagen: Er konnte nicht verhindern, dass
die USA bei vielen Gruppen in arabischen Ländern nach wie vor ein
Feindbild darstellen - nicht nur bei Islamisten. Auch nach dem Sturz
von Machthaber Mubarak verdächtigen in Ägypten linke Revolutionäre
die USA, die Revolution zu sabotieren und dabei sogar mit den
Moslembrüdern unter einer Decke zu stecken.
In Libyen herrscht nach wie vor Dankbarkeit gegenüber Amerika und der
Nato für die Hilfe gegen Diktator Gaddafi. Alle wichtigen politischen
Führer entschuldigten sich für den Tod des US-Botschafters. Zugleich
versuchen aber jihadistische Fraktionen, das Sicherheitsvakuum im
Land zu nutzen. Nun haben die Amerika-Feinde neue Munition erhalten.
Durch einen Film, der eigentlich bedeutungslos sein müsste.
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