- 11.09.2012, 18:43:59
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"Die Presse"-Leitartikel: Leistungsfähige Schulen benötigen eine fähige Politik, von Christoph Schwarz
Ausgabe vom 11.9.2012
Utl.: Ausgabe vom 11.9.2012=
Wien (OTS) - Die Forderung nach einer Gesamtschule ist in der Theorie
richtig. Scheitert in der Praxis aber an der bildungspolitisch
visions- und mutlosen Regierung.
Ideologien sind etwas ungemein Praktisches. Die eigene Meinung ist
rasch gebildet, Argumente sind schnell bei der Hand, Positionen
müssen nicht ständig überdacht werden. Und von Fakten muss man sich
kaum beeindrucken lassen. Blöd nur, wenn die Diskrepanz zwischen
eigenem Weltbild und der Realität so groß wird, dass sich der
Widerspruch auch durch noch so glänzende Beweisführung nicht länger
verbergen lässt.
Vor genau diesem Dilemma stehen die Regierungsparteien in der
Bildungspolitik. Relativ knapp, deshalb aber nicht weniger richtig
zusammengefasst, ließe sich mit Blick auf die nötigen Reformen sagen:
In Schulbelangen ist derzeit wohl den bösen Gesamtschulbefürwortern
in der SPÖ recht zu geben, in Uni-Belangen aber den vermeintlich
gleichheitsfeindlichen Zugangsbeschränkern in der ÖVP. Nicht nur,
weil ein simpler politischer Abtausch das Höchste ist, was man der
kraftlosen Koalition derzeit noch zutraut. Sondern vor allem, weil
die gesellschaftliche Realität eine klare Sprache spricht. Auch, wenn
das Ideologen so gar nicht gefällt.
Die wenig schmeichelhaften Erhebungen der OECD hätte es für diese
nicht ganz neue Feststellung freilich nicht gebraucht. Sie
verdeutlichen aber, wie drängend das Problem ist. Die OECD hat
festgestellt, dass Chancen auf einen "Bildungsaufstieg" in kaum einem
Land so gering sind wie in Österreich. Sie hat festgestellt, dass die
Schuld im Schulsystem zu suchen sei, in dem sozial Benachteiligte -
oftmals Migranten - "in wenigen Schulen stark konzentriert" sind. Und
sie hat festgestellt, dass Studiengebühren den Bildungsaufstieg nicht
beeinträchtigen. Das ist ein klarer Aufruf zu einer Gesamtschule.
Selektiert werden darf nicht im Alter von zehn Jahren. Sondern
später, und auch an den Unis, durch harte Zugangstests. Zusätzlich
müssen die Unis, sobald die Qualität stimmt, stärker privat
finanziert werden.
Man könnte nun - das ist der einfache Weg - Energie darauf verwenden
zu erörtern, warum die OECD falschliegt. Man könnte aber auch
eingestehen, dass diese Studie weder unseriös noch die erste und
einzige ist, die zu diesem Schluss kommt. Und überlegen, ob der
Istzustand des Bildungssystems nicht doch zu überdenken wäre. Denn,
nicht zu vergessen: Das Bildungssystem ist nicht deshalb so, wie es
ist, weil es so erfolgreich ist. Sondern, weil sich SPÖ und ÖVP zu
keiner Weiterentwicklung durchringen. Die SPÖ gefällt sich zu gut in
der falsch interpretierten Rolle als Verteidigerin der
Arbeiterschicht. Die ÖVP will die "Bürgerlichen", die ihre Kinder
(nicht zwingend wegen ihrer Begabung, sondern auch aus Tradition) in
das schicken, was wir Gymnasium nennen, nicht vergrämen.
Während die SPÖ die Ablehnung, die sie der Uni-Gebühr entgegenbringt,
nicht einmal zu argumentieren versucht, versteckt sich die ÖVP hinter
falschen Behauptungen: Bis heute konnte niemand schlüssig erklären,
warum die Trennung in AHS-Unterstufe und Neue Mittelschule per se
Talente fördern soll. Um zuzugeben, dass es ihr vor allem darum gehe,
ihre Wähler davor zu schützen, den Nachwuchs mit muslimischen
Parallelgesellschaftskindern in eine Schule schicken zu müssen, fehlt
der Mut. Den Vorwurf, dass man - um das halbwegs gut funktionierende
Gymnasium zu erhalten - in Kauf nimmt, dass andere Schulformen vor
allem in Städten Bildungsverlierer produzieren, muss sich die ÖVP
gefallen lassen. Dass dies ungerecht, vor allem aber teuer, weil
arbeitsmarktpolitisch unsinnig ist, weiß sie.
Leider ist es zugleich genau dieser Mangel an politischem Geschick
und Visionen der Koalition, der die Forderung nach einer Gesamtschule
in Österreich unverantwortlich macht. Dass die Regierung - allen
voran Ministerin Claudia Schmied - ein qualitätsvolles Modell mit
innerer Differenzierung auf die Beine stellen kann, kann fast
ausgeschlossen werden. Nicht zuletzt, weil eine Gesamtschule, die
keine Nivellierung nach unten mit sich bringt, zuerst eine
Integrationspolitik benötigen würde, die aus mehr als aus
Überschriften besteht. Unsere Kinder sind keine bildungspolitischen
Versuchskaninchen.
Bevor wir ein leistungsfähiges Schulsystem konzipieren können,
benötigen wir also eine leistungsfähige Regierung. Letzteres ist wohl
das schwierigere Vorhaben.
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