TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Montag, 10. September 2012, von Mario Zenhäusern: "Ein Fünkchen Hoffnung"

Innsbruck (OTS) - Die Vorstöße der Landeshauptleute Burgstaller, Voves und Platter könnten dafür sorgen, dass eine lösungsorientierte Diskussion an die Stelle der bildungspolitischen Blockadepolitik der Regierungsparteien tritt.

Tirols AHS-Direktoren steigen auf die Barrikaden. Der Vorstoß von Landeshauptmann Günther Platter in Richtung einer gemeinsamen Schule der 10- bis 14-Jährigen mache sie "fassungslos". Platters Vorstoß, so er denn umgesetzt würde, löse keine Probleme, sondern schaffe ungleich größere.
Diese Reaktion ist symptomatisch - und nicht auf die Direktoren der allgemein bildenden höheren Schulen in Tirol beschränkt. Seit Jahrzehnten spaltet das Thema Bildung Österreich in zahlreiche Lager. Einig sind sich alle nur darin, dass das heimische Bildungssystem Reformbedarf aufweist. Großen Reformbedarf sogar angesichts der Tatsache, dass 27 Prozent der heimischen Jugendlichen nicht sinnerfassend lesen können. Aber statt offensiv über Lösungsmöglichkeiten zu diskutieren, werden seit Jahren nur Argumente gesucht, warum der eine oder andere Vorschlag nicht in die Tat umgesetzt werden kann oder darf.
Die Motive dieser Haltung sind unterschiedlich. Sie können sachlich motiviert sein oder von Ideologie bestimmt wie bei den beiden großen politischen Gegenspielern im Bildungsbereich, SPÖ und ÖVP. Die beiden Regierungsparteien verharren seit Jahren in einer Position der Destruktivität, in der es nur darum geht, um keinen Preis von der eigenen Linie abzurücken.
Zuletzt ist einige Bewegung in die sonst starren Fronten gekommen. Platters Vorschlag hat in der ÖVP für Unruhe gesorgt, die Landeshauptleute Gabi Burgstaller (Salzburg) und Franz Voves (Steiermark) wirbeln in der SPÖ Staub auf, weil sie sich offen für sozial abgefederte Studiengebühren aussprechen. SPÖ-Chef Werner Faymann hat jetzt angekündigt, den Parteitag mit der Frage Studiengebühren befassen zu wollen. Dass dabei ein Ja herauskommt, ist genauso wahrscheinlich wie ein Schwenk der ÖVP in Richtung Gesamtschule.
Die Abweichler werden ihre Parteifreunde also nicht umstimmen. Aber die Hoffnung lebt, dass ihr mutiger Vorstoß mehr ist als nur ein Strohfeuer. Erstmals sind drei Landeshauptleute bereit, über parteiideologische Gräben zu springen. Wenn ihr Beispiel Schule macht, wenn irgendwann vielleicht auch die beiden wahren Machthaber von SPÖ und ÖVP, Michael Häupl und Erwin Pröll, umschwenken, könnte eine lösungsorientierte Diskussion an die Stelle der bisherigen Blockadepolitik treten. Das kann nur im Sinne aller sein - auch der jetzt noch fassungslosen Tiroler AHS-Direktoren.

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