DER STANDARD-Kommentar: "Der geschrumpfte Traum" von Christoph Prantner

"Obama konnte nicht klarmachen, was er mit einer zweiten Amtszeit vorhat"; Ausgabe vom 08.09.2012

Wien (OTS) - Ganz ordentlich, aber nicht herausragend. Das war das Urteil, das vergangene Woche über Mitt Romneys Parteitagsrede gefällt wurde. Barack Obamas Auftritt bei der demokratischen Convention in North Carolina kommt auf ziemlich genau die gleiche Bewertung bei den amerikanischen Kommentatoren. Doch was für den verkniffenen Republikaner gut ist, kann den Demokraten, der immer wieder mit brillanten Reden auffiel, nicht zufriedenstellen. Die meisten Amerikaner und vor allem die (potenziellen) Wähler des Präsidenten blieben mit einem schalen Gefühl zurück. Obama, das ist klar, hat den Sack in Charlotte nicht zugemacht.
Sein Auftritt war realistischer, erfahrener, bescheidener und jedenfalls weniger naiv als viele seiner Reden in der Vergangenheit. Aber Obama war damit auch weniger mitreißend als je zuvor. Visionär, so wie noch vor vier Jahren, war absolut nichts an seiner Rede. "Hoffnung wagen", so hieß eines seiner Bücher, das er vor seiner Wahl hunderttausendfach verkaufte, das Massen inspirierte und auf einen Wandel hoffen ließ. Einen Wandel 2.0 aber hatte er diesmal nicht zu bieten - wohl auch, weil er ihn nicht bieten wollte und die meisten Amerikaner vorerst genug von Visionen haben.
So beließ es Obama beim wenig mutigen Bekenntnis zur Politik der kleinen Schritte. Doch auch mit schaumgebremster Rhetorik hätte sich ein klares Statement machen lassen, warum er denn im November wiedergewählt werden sollte und was er zudem - von der Rettung der Autokonzerne bis zur Gesundheitsreform - trotz aller Widrigkeiten in Washington umgesetzt hat. Dieses zwingende Argument für "four more years" blieb aus. Und nun fragen sich viele: Ja, was um alles in der Welt will er denn damit machen? Das enge Rennen gegen Mitt Romney ist so auch nach Charlotte eng geblieben.
Das US-Politikportal politico.com betitelte eine Geschichte über den Auftritt mit "Downsizing a Dream", dem Schrumpfen eines Traumes. Und in der Tat wirkte Obama nicht mehr wie jener verwegene Reformer, der das erstarrte System in Washington aufbrechen wollte, sondern wie ein ganz normaler Politiker, der seine Zielgruppen - Frauen, Latinos, junge Leute - professionell, aber eben auch routiniert bedient.
Im Gegensatz zum Präsidenten selbst hielt Bill Clinton eine fantastische Rede, in der er die Republikaner mit feiner Klinge filetierte und auch noch dem letzten Zweifler klarmachte, dass es keine Alternative zu diesem demokratischen Präsidenten gibt. Obamas lange und innige Umarmung für seinen Vorvorgänger nach dem flammenden Plädoyer ließ erkennen, wie dankbar er ihm war.
Clinton genoss seine ungebrochene politische Anziehungskraft sichtlich. Und es war klar, dass einer, der aus seinem Holz geschnitzt ist, solche Hilfe nicht völlig uneigennützig leistet. Noch vor dem so bejubelten Auftritt des 42. Präsidenten der Vereinigten Staaten schrieb Maureen Dowd, die spitzzüngigste Kolumnistin der New York Times: Obama sei seinerzeit angetreten, um das System und die legendäre Wahlkampfmaschine der Familie Clinton bei den Demokraten abzulösen. Heute aber erscheine er wie eine Übergangsphase zu einer neuen Amtszeit der Clintons - Hillary 2016.
Noch vor einem Monat hätte das wie aus der Luft gegriffen geklungen. Nach diesem Parteitag ist es nicht mehr unwahrscheinlich - falls Obama überhaupt gegen Romney gewinnt.

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