TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 6. September 2012 von Alois Vahrner

Innsbruck (OTS) - Utl.: Für die taumelnde Eurozone sind die USA um Kritik bzw. mehr oder minder gut gemeinte Ratschläge selten verlegen. Dabei brennt in Sachen Schulden bei den Amerikanern der eigene Hut lichterloh.

Die Grüße von jenseits des Atlantiks haben meist denselben Inhalt, ob sie nun von Politikern wie Finanzminis ter Timothy Geithner, von US-Ökonomen oder den drei großen Ratingagenturen kommen: Europa müsse die Schuldenkrise mit mehr Nachdruck bekämpfen, um den Euro zu retten und um nicht zum Bremsklotz für die Weltwirtschaft zu werden.
Dass zur Lösung von Europas Problemen freilich das US-amerikanische Beispiel als Vorbild taugt, ist zu bezweifeln. Wie jetzt bekannt wurde, hat der US-Schuldenberg erstmals die Marke von 16 Billionen Dollar überschritten. Das sind 16.000 Milliarden Dollar oder ausgeschrieben 16.000.000.000.000 Dollar (das entspricht umgerechnet 12.770 Mrd. Euro). Die Amerikaner stehen mit über 100 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts in der Kreide, die so viel gescholtene Eurozone kommt dagegen "nur" auf einen knapp 10.000 Mrd. Euro hohen Schuldenberg, was etwa 88 Prozent des BIP der 17 Euro-Mitgliedsländer (inklusive der bankrottreifen Griechen) entspricht.
Der Rat der Amerikaner an Europa, die Konjunktur mit neuen Schulden anzukurbeln, bringt diese nun selbst erneut in die Bredouille. Und das mitten im sich zuspitzenden Präsidentschaftswahlkampf. Bereits im Vorjahr waren die USA nur knapp an der Staatspleite vorbeigeschrammt. Die damals nach oben geschraubte Obergrenze von 16,39 Billionen Dollar droht just rund um den Wahltermin erneut zu platzen.
Für US-Präsident Barack Obama ist dies im Wahlkampf pures Gift. Immerhin war er 2009 mit dem Versprechen angetreten, den nach acht Jahren George W. Bush von 6 auf 10,6 Billionen Dollar fast verdoppelten Schuldenberg wieder zu halbieren. Tatsächlich sind die Schulden weiter explodiert. Die Republikaner werfen Obama ein "Ausgaben-Gelage" vor. Dass sie dabei geflissentlich "vergessen", dass sie die anhaltenden Riesenkosten für die Militäreinsätze im Irak und in Afghanistan eingebrockt haben, hilft Obama nur bedingt. Auch dass erst der hemmungslose Raubtier-Kapitalismus ohne staatliche Schranken die globale Finanz- und Wirtschaftskrise ausgelöst hat, zu deren Bekämpfung unfassbare Summen auf Pump eingesetzt werden mussten - auch in Europa. Anders als die Amerikaner steht aber Europa am internationalen Pranger, auf der Watchlist der Finanzmärkte. Teilweise zu Unrecht, vielfach aber selbst verschuldet. Weil die EU anders als die USA nicht mit einer Stimme spricht (sondern mit unzähligen, sich noch dazu widersprechenden) und sich nur mühsamst zu Durchgriffsmöglichkeiten durchringen kann.

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