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Die Presse am Sonntag - Leitartikel: "Mit Judenbeschimpfungen fängt es an", von Christian Ultsch
Ausgabe vom 02.09.2012
Utl.: Ausgabe vom 02.09.2012=
Wien (OTS) - Wiener Polizisten schauten zu, als sich ein Fußballfan
vor einem Rabbiner mit Hitlergruß aufpflanzte und "Juden raus!"
rief. Wenn schon Ordnungshüter offenen Antisemitismus dulden, wird
es gefährlich.
Auf dem Wiener Schwedenplatz spielte sich am vergangenen Donnerstag
folgende Szene ab: Ein paar Stunden vor dem Fußballmatch zwischen
Rapid und Paok Saloniki ging ein Fan auf einen Rabbiner zu und
sagte: "Hau ab, du Scheißjude! Juden raus! Heil Hitler." Der
Geistliche beschwerte sich daraufhin bei einem Polizisten, der in
der Nähe stand. Der Beamte sah jedoch überhaupt keinen Anlass
einzuschreiten. "Na hör'n S', heut' is' Fußball", sagte er. Und der
Fußballfan stand dabei immer noch mit Hitlergruß vor dem Rabbiner.
Der versuchte danach, andere Uniformierte zum Eingreifen zu bewegen,
jedoch ohne Erfolg. "Dass diese Polizisten tatenlos zusehen und auch
noch grinsen, ist ein regelrechtes Schockerlebnis", heißt es im
schriftlichen Protokoll, das der Rabbiner der Polizei zukommen ließ.
Dort prüft nun das Beschwerdereferat den Fall.
Es gibt viele Möglichkeiten, mit Antisemitismus umzugehen. In
Österreich halten es immer noch einige in ihrer Na-und-Mentalität
für angemessen wegzuschauen oder auch noch blöd dazu zu grinsen. Bei
Ordnungshütern ist es nicht eine Frage der Zivilcourage, ob sie
Judenhassern in den Arm oder ins Wort fallen. Sie sind dazu
verpflichtet. Nur zur Erinnerung: Hier ist es strafbar, sich im
nationalsozialistischen Sinne wiederzubetätigen und gegen Juden zu
hetzen.
Aber es wäre ja nicht das erste Mal, dass ausgerechnet in jenem
Land, das bei der Vernichtung der Juden einen überdurchschnittlich
hohen Anteil williger Nazi-Vollstrecker gestellt hat, Antisemitismus
ignoriert, bagatellisiert oder verdodelt wird. Vor ein paar Tagen
erst stellte der Chef der drittgrößten Partei eine Karikatur im
"Stürmer"-Stil auf seine Facebook-Seite. Auf der Zeichnung war ein
fetter Bankier mit Hakennase zu sehen, an dessen Manschettenknöpfen
Davidsterne prangten. Auch für Ungebildete war das Machwerk unschwer
als antisemitisch zu erkennen. Und doch stritt H. C. Strache in
besonders dümmlicher Weise alle Vorwürfe ab, anstatt sich zu
entschuldigen oder gar Konsequenzen zu ziehen. Der Skandal blieb,
wie davor schon viele andere, ohne Folgen. Zwischen Wien und Bregenz
glaubt man, das alles nicht so ernst nehmen zu müssen. Vergessen,
dass die Nationalsozialisten mehr als 65.000 österreichische Juden
ermordet und 130.000 vertrieben haben?
Im Grunde haben die meisten Österreicher die Verjährung gleich nach
1945 für sich in Anspruch genommen, und 67 Jahre später tun sie es
umso ungenierter. Die wirkliche Last der Verantwortung hat die
Republik ohnehin frühzeitig auf den deutschen Nachbarn abgewälzt.
Und dort reagiert nach wie vor das öffentliche Alarmsystem ungleich
sensibler auf Judenhass. Das war jüngst erst wieder daran abzulesen,
wie kämpferisch deutsche Politiker und Meinungsführer reagierten,
nachdem in Berlin-Schöneberg arabische Jugendliche einen Rabbiner
zusammengeschlagen hatten. Und als dann der Rektor eines jüdischen
Kollegs seinen Studenten riet, in nächster Zeit auf der Straße
besser keine Kippa zu tragen, riefen Berliner Künstler auf, sich aus
Solidarität die jüdische Kopfbedeckung aufzusetzen.
Der Antisemitismus flammt gerade neu in Europa auf. Als
Brandbeschleuniger fungieren dabei, vor allem in Ländern wie
Frankreich oder auch Deutschland, arabische Jugendliche, die den
aggressiven antisemitischen Diskurs des Nahen Ostens ungefiltert in
ihre (neue) Heimat tragen. Doch auch die Mehrheitsbevölkerung
kultiviert unter dem Deckmantel eines zunehmenden Hasses auf Israels
antijüdische Regungen. Das trifft leider auch auf Österreich zu. Und
was passieren kann, wenn man jahrelang bei Judenbeschimpfungen
weghört, zeigt sich in Ungarn. Dort nimmt der offene Antisemitismus,
ganz ohne Araber, seit dem Parlamentseinzug der rechtsextremen
Jobbik-Partei erschreckend zu.
Das sollte auch Österreich eine Lehre sein. Der antisemitische Krebs
wuchert schnell, wenn man ihn nicht schon im Anfangsstadium aus dem
gesellschaftlichen Gewebe schneidet.
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