• 30.08.2012, 18:28:40
  • /
  • OTS0213 OTW0213

"Die Presse" - Leitartikel: Salzburg und seine Festspiele, die ungeliebte Cashcow, von Wilhelm Sinkowicz

Ausgabe vom 31.08.2012

Utl.: Ausgabe vom 31.08.2012=

Wien (OTS) - Was dem Nobelfestival, das immer länger dauert, um
immer mehr Publikum anzulocken, fehlt? Nur Exklusivität kann die
Höhe der Eintrittspreise rechtfertigen.

Festspiele? Seit diese existieren, fühlen sich die Salzburger davon
im Grunde gestört. Lediglich Nächtigungszahlen und
Umwegrentabilitätsstudien lassen diese Störung akzeptabel
erscheinen, kommt doch unterm Strich mehr Geld herein als via
Subventionen hineingepumpt wird. Kulturkommentatoren bemühen sich
überdies, die Notwendigkeit immerwährender Auseinandersetzung mit
dem kulturellen Erbe unseres (diesbezüglich altersschwachen)
Kontinents darzulegen. Zu diesem Behufe war das Festival ja von Hugo
von Hofmannsthal und Richard Strauss seinerzeit gegründet worden.
Doch angesichts der Gewinnmaximierung herrscht längst das Prinzip
Masse statt Klasse. Immer länger sollen die Festspiele dauern, immer
mehr Karten verkaufen. Dazu ein wenig Zeitgenössisches, damit die
Stabsstellen in den zuständigen Ministerien und das deutsche
Feuilleton beruhigt sind.
In aller Welt hängen sich ja die Festivals - es sei denn, sie sind
auf Alte Musik spezialisiert - ein oder mehrere
Avantgarde-Feigenblätter um. Manche bestehen nur noch aus solchen.
Doch Salzburg erhebt bei immens hohen Eintrittspreisen einen anderen
Anspruch. Die Formel hier darf nur lauten: Allererste Künstler im
Festspielbezirk versammeln sich, um sich den großen Aufgaben des
europäischen Repertoire-Kanons zu widmen - unter Bedingungen, die
anderswo nicht geboten werden.
Das hat nichts mit Glamour und Starkult zu tun, die man schon zu
Herbert von Karajans Zeiten bekrittelte: Karajan dirigierte Oper
ausschließlich in Salzburg und war unbestritten der faszinierendste
Dirigent seiner Zeit. Wäre tatsächlich, wie manche zu suggerieren
versuchen, Anna Netrebko sein gegenwärtiges Pendant, dürfte sie in
Salzburg nicht in "La Bohème" auftreten. Das hat sie landauf, landab
schon getan.
Insofern wäre zu untersuchen, wieweit der Spielplan, den
Neo-Intendant Alexander Pereira für seine erste Saison vorgelegt
hat, dem Anspruch auf programmatische Exklusivität entsprochen hat.
Eine von Nikolaus Harnoncourt einstudierte "Zauberflöte" mit dem
unbekannten Schwesterstück "Labyrinth" zu koppeln, das zwar
ebenfalls von Schikaneder gedichtet, aber nicht mehr von Mozart
vertont wurde, darf als gute Programmidee für ein Festival
durchgehen. Ebenso "Ariadne auf Naxos", der Festspielgründer
Hofmannsthal und Strauss Schmerzenskind, in der einst gescheiterten
Urgestalt vorzustellen. Aber nur dann, wenn die musikalische
Qualität der Höhe der Kartenpreise entspricht.
Die Salzburger Besetzungen waren heuer freilich inkonsistent wie
seit der musikalisch ähnlich orientierungslosen Ära Mortier nicht
mehr. Und apropos Feigenblätter: Bernd Alois Zimmermanns "Soldaten"
neben Mozart, Strauss und Puccini - die zufriedene Häme mancher
Feuilletonisten, unsere Philharmoniker seien "nun endlich bei der
Avantgarde angelangt", fußt auf mangelnder Information der deutschen
Rezensenten. Die "Soldaten" hat dieses Orchester schon vor einem
Vierteljahrhundert an der Staatsoper einstudiert . . .

Die Philharmoniker sind im heurigen Salzburger Festspielsommer unter
ihrem Wert geschlagen worden, weil in der Oper mehrheitlich mit
bestenfalls durchschnittlichen Dirigenten konfrontiert. Damit begibt
man sich einer Qualität, die einst die solide Basis der Festspiele
war: Die Philharmoniker, von den bedeutendsten Dirigenten zu
Spitzenleistungen animiert, die sie unterm Jahr nur in
Ausnahmesituationen erbringen können, das war - übrigens auch auf
dem Konzertsektor - ein Grund, Festspiele auszurufen.
Sich von dieser Force verabschiedet zu haben ist eines der aktuellen
Grundprobleme. Dass man aber, was die Oper betrifft, eine Aufführung
wie "Ariadne" in dankbarer Erinnerung an grandiose schauspielerische
Leistungen verlässt, beim Diner danach aber keiner mehr von der
Musik spricht, sagt viel über den erreichten Nivellierungsstand.
Der Held der "Ariadne auf Naxos" war "Der Bürger als Edelmann",
Cornelius Obonya. Womit übrigens das Salzburger Schauspiel- und
Opernprogramm harmonisiert erscheint: Die allseits gerühmte
Neudeutung von Kleists "Prinz von Homburg" war ja auch eine Art
Burgtheater-Gastspiel.

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PPR

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel